Was Logistik Start-ups auf den Main verschlägt

Start-up, pitch, Cargosteps
(Foto: Cargosteps)

Vor den Bullaugen schwappt der Main. Der Barmann hat Vinyl aufgelegt und mixt Cocktails. An Bord des Offenbacher Restaurantboots „Backschaft“, Baujahr 1904, herrscht Gründerstimmung an diesem Februarabend. Man darf glücklich-erschöpft sein nach ausgeprägten Diskussionen. Einen Tag lang war das blaue Boot Treffpunkt einer besonderen Gesellschaft: Start-up-Unternehmer aus der Logistik, gestandene Spediteure, dazu handverlesene Investoren, Banker, Scouts, Berater, Forscher, Marketingspezialisten und Versicherer. Eine Mini-Messe der Problemlöser, limitierte Teilnehmerzahl: 50.

Der Frankfurter Gründer Rachid Touzani hatte die Experten zum intensiven Gedankenaustausch bei Flusskilometer 41,7 eingeladen. Das „Du“ herrschte vor, Digitalisierung stand im Mittelpunkt, die Lust auf Bullshit-Bingo war erkennbar gering. Der beziehungsreiche Titel „Pitch on Deck“ deutet das Konzept an: Vier Unternehmen, die mit ihren Digitalisierungslösungen für die Logistik auf den Durchbruch hoffen, treten mit Kurzpräsentationen nacheinander an. Vom Fachmann für Kenner. Maximal zehn Minuten Zeit pro Start-up, um das innovative Geschäftsmodell vorzustellen, gefolgt von einer flotten Fragerunde. Später blieb Raum für vertrauliche Einzelgespräche. Ein Tablet war ausgelobt für das überzeugendste Modell – kein Pitch ohne Preis.

Die Sprache der Logistik

Touzani erschien im Arbeiter-Look mit schwarzem T-Shirt und wattierter Weste. „Mein Eindruck ist: Um die Digitalisierung in der Logistik voranzubringen, müssen wir diejenigen vernetzen, die auch die Sprache der Logistik sprechen.“ Gesagt, getan. Als hätte er nicht schon genug um die Ohren als CEO der Jungfirma Cargosteps, hob er nebenher gemeinsam mit seinem Marketingchef Murat Karakaya das Event aus der Taufe. Grund: Auf unspezifischen Venture-Capital-Events, wo andere Gründer den Geldgebern ihre Kalorienzähl-Apps mit einem Fingerschnipp verklickern, blickt den Logistik-Problemlösern häufig auch nach zehn Minuten Redezeit das blanke Unverständnis entgegen. Touzani: „Die können nicht folgen, es ist zu komplex.“

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Pitch, Dialog und manchmal einfach nur zuhören: (Foto: Cargosteps)
Pitch, Dialog und manchmal einfach nur zuhören: (Foto: Cargosteps)

Kooperation schlägt Konkurrenzdenken

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Was als sportlicher Wettbewerb angedacht war, entpuppte sich als große Kooperationsbörse: Die Einzelgespräche kreisten dutzendfach um Chancen zur Zusammenarbeit, gesucht wurden Anknüpfungspunkte auf technischer und ideeller Ebene. „In Deutschland ist gar nicht fehlendes Venture Capital das Problem“, sagte Christoph Herrmann, der als Spezialist für Intellectual Property der Einladung gefolgt war. „Im Silicon Valley und auch in London wird man als Start-up-Unternehmer bei Interesse sofort mit den richtigen Leuten zusammengebracht. In Deutschland mangelt es noch an dieser Kultur des Weiterempfehlens.“ An diesem Tag auf dem Main wurde sie ausgiebig gelebt.

Maximilian Rabl hat schon E-Commerce-Start-ups wie windeln.de oder Limango hochgezogen. Beim Pitch on Deck vertrat er das zehnköpfige Start-up Loadfox als Geschäftsführer. „Eine Mitfahrgelegenheit für Fracht“, umriss er das Konzept. „Anders als Frachtbörsen bieten wir keine Ladungen an, sondern Touren“, erklärte der ehemalige Berater der Boston Consulting Group im Kapuzenpulli. Er sei als Branchenfremder „positiv überrascht“ gewesen, was den Erneuerungswillen der Logistiker angeht: „Wo wir hinkommen, ist das Interesse groß, es gibt viel Offenheit.“ Die ersten 150 Kunden habe man überwiegend per telefonischer Kaltakquise auf die Plattform geholt, mit einer hohen Erfolgsquote von 30 Prozent. „Als wir eine Kiste Bier pro Match draufgelegt haben, gingen die Zahlen besonders hoch“, so Rabl.

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