Whatsapp erfolgreich gegen Leerfahrten

Foto: DB

Fast 150 Jahre lang funktionierte das Rangieren auf dem Hafenbahnnetz in Hamburg im Grunde nach demselben Prinzip. Eine Lok zieht einen Lastzug zum Terminal, kuppelt ab und fährt dann wieder „leer“ zurück, um den nächsten Zug zu transportieren. Wunderbar vertraut war dieses Verfahren allen Beteiligten, aber auch furchtbar ineffizient. Denn Leerfahrten, das weiß jeder Logistikstudent schon im ersten Semester, sind Gift für jede Kostenrechnung. Insbesondere wegen der komplexen Prozesse und der Unwägbarkeiten wie Schiffsverspätungen dauerte es trotzdem seine Zeit, bis sich dies änderte. Anfang dieses Jahres war es so weit.

Sechs Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) kooperieren seitdem im Rahmen des Projektes „Ramona“, was die Kurzform für „Rangiermodell Nordhafen“ ist. Unterstützt werden sie von den beiden großen Terminalbetreibern an der Elbe, HHLA und Eurogate. Den Rangierbetrieb organisieren die Beteiligten dabei nun in großen Teilen gemeinsam. Statt wie früher in den meisten Fällen „leer“ wieder aus dem Terminal zu fahren, haben die Lokomotiven nun immerhin schon bei jeder fünften oder sogar jeder vierten Fahrt einen Zug im Schlepptau, der aus dem Terminal raus soll. „Damit sind wir schon recht zufrieden“, sagt Bernd Pahnke, Vice President Port Development DB Cargo und einer der Initiatoren der Kooperation. Es gehe aber noch mehr. „Um 40 Prozent möchten wir die Leerfahrten mittelfristig reduzieren“, so Pahnke. Bei derzeit rund 200 Zugfahrten und mittelfristig vielleicht bis zu 300 auf dem Hafenbahnnetz ist das ein nicht zu vernachlässigender Effekt.

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Vorerst sind die Kooperationspartner aber schon damit zufrieden, dass es überhaupt geklappt hat mit der Zusammenarbeit. Schließlich sei das Rangiergeschäft, wie bekanntermaßen die Logistik insgesamt, nicht gerade ein margenträchtiges, unterstreicht Lutz Wörner. Er ist ebenfalls einer der Köpfe hinter dem Projekt und Geschäftsführer bei dem HBC Hanseatisches Bahn Contor. Eigner von HBC sind die Hamburger Logistiker IGS und Konrad Zippel mit ihrem Joint Venture Zigs Xpress sowie die Deutsche Eisenbahn Service AG (Desag) aus Putlitz. All dies – übergreifende Margenschwäche sowie die große Deutsche Bahn auf der einen und mittelständische Anbieter auf der anderen Seite – haben dazu geführt, dass das Miteinander auf den Schienen im Hamburger Hafen eher durch Konkurrenz denn durch Kooperation geprägt war.

Ein Arbeitskreis als Ausgangspunkt

So richtig angenähert haben sich die Rangierbetriebe vor zwei Jahren. Damals, im Januar 2015, wurde unter dem Dach der Logistik-Initiative Hamburg ein Arbeitskreis Schiene gegründet. In regelmäßigen Sitzungen tauschen sich seitdem Vertreter von EVU und Operateuren, aber auch von Infrastrukturbetreibern, Terminals und Reedereien zu wichtigen Themen für die weitere Entwicklung und Verbesserung des Schienennetzwerks aus. „Wir als größter Anbieter im Hafen profitieren enorm von dieser Zusammenarbeit, um die Prozesse unseres Rangiergeschäfts effizient und profitabel zu machen“, erinnert sich Pahnke. „Und wir als kleine Anbieter mussten erst das Gefühl bekommen, dass mit uns auf Augenhöhe diskutiert wird“, ergänzt Wörner. Im Rahmen des Arbeitskreises trat dieser Sinneswandel ein.

Noch befördert wurde der Wandel durch verschiedene externe Faktoren. Vor allem die zunehmende Anzahl von Großschiffsanläufen mit den damit verbundenen Peaks bei der Abfertigung hat den Kooperationswillen unter den Beteiligten verstärkt. Als fast schon Erweckungserlebnis bezeichnet Pahnke in diesem Zusammenhang die Geschehnisse im Frühjahr und Frühsommer 2014, als eine Kombination verschiedener Ereignisse und Faktoren dazu führte, dass zunächst die Abfertigung an den Terminals massiv in Verzug geriet und dann auch die Hinterlandterminals überliefen. „Da wurde uns allen klar, dass die Infrastruktur endlich ist und wir dringend etwas tun müssen, um das System effizienter zu machen“, unterstreicht Pahnke.

Ramona ist aus diesen Erkenntnissen geboren. Besonders ermutigend ist dabei, dass es außer dem guten Willen aller Beteiligten und einigen Änderungen am System gar nicht so viel bedurfte, um etwas zu ändern. „Eine Voraussetzung, um Ramona zum Leben zu erwecken, war beispielsweise, dass die Containerterminals die Slots für die Zugabfertigung mitunter etwas verlängern, damit sich die Zeitfenster überlappen“, sagt Wörner. 30 Minuten Veränderung reichten in der Regel, damit eine Lokomotive das Terminal nicht mehr leer, sondern unter Last verlasse.

Whatsapp statt teurer IT-Lösung

Die zweite Herausforderung war die Kommunikation unter den Disponenten. Schließlich müssen sie sich abstimmen können, wenn die einfahrende Lok eines EVU den Zug auf dem Rückweg aus dem Terminal mitnehmen kann und ein anderes EVU dann seine Lok nicht auf die Reise schicken muss. In Zeiten von Digitalisierung und Smartport könnte man erwarten, dass erst einmal eine aufwendige IT-Lösung gebaut werden musste, doch Pustekuchen. „Wir haben uns aber mit üblichen und einfachen Smartphone-Lösungen schnell helfen können“, so Pahnke. Konkret: Die Disponenten kommunizieren untereinander in einer Whatsapp-Gruppe. Die Idee dazu hatte Lutz Wörner. „Das war naheliegend, schließlich funktioniert das in meiner Familie auch bestens, wenn wir schnell mal Nachrichten austauschen möchten“, sagt dieser.

Bewährungsprobe bestanden

Die große Bewährungsprobe hatte Ramona im Sommer dieses Jahres während des Umbaus des Schienenterminals des Containerterminals Altenwerder (CTA). Vier Monate lang stand dabei nur die Hälfte der Kapazität zur Verfügung. Trotzdem gelang es den Partnern, 95 Prozent der üblichen Performance zu erreichen.

Bei all den Verbesserungen und Kosteneinsparungen im Gesamtsystem stellt sich indes die Frage, ob auch noch jeder der Kooperationspartner auf seine Kosten kommt. Schließlich kann die Kooperation kaum erfolgreich sein, wenn beispielsweise einer der Akteure ständig die Züge der anderen mit aus dem Terminal brächte, aber dann keine Gegenleistung bekäme. „Die Leistungen werden natürlich untereinander abgerechnet“, versichert Pahnke. Zudem werde wöchentlich gemonitort, und alle zwei Wochen gebe es Besprechungen zum erreichten Stand und zu Verbesserungsmöglichkeiten. Wert legen die Partner indes darauf, dass die Kooperation kartellrechtlich absolut sauber aufgestellt ist. „Wenn andere Unternehmen teilnehmen möchten, sind sie herzlich willkommen“, betont Pahnke.

Unter erschwerten Bedingungen unter Beweis stellen können die Ramona-Partner ihre Fähigkeiten schon in Kürze wieder. Schließlich beginnt im März kommenden Jahres der Neubau der Waltershofer Brücken. Zweieinhalb Jahre soll der ganze Prozess dauern. Nach dem Erfolg am CTA wurden die Rangierdienstleister gebeten, ein Modell zu erarbeiten, um die Auswirkungen des Engpasses – konkret wird nur noch eine Schienentrasse statt bisher zwei zur Verfügung stehen – am Containerterminal Burchardkai und am Bahnhof Mühlenwerder im Rahmen zu halten.

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