Wie Ladungen Orte ohne Straßennamen erreichen

What3Words
(Foto: What3Words)

Westbourne Studios ist unser Treffpunkt, dort hat das Start-up What3Words seinen Sitz. Unglücklicherweise gibt es im Westen Londons zwei Orte dieses Namens, eine gute Dreiviertelstunde Bus- und U-Bahn-Fahrt voneinander entfernt. Erst kurz vor der vorletzten Haltestelle des Zugs werde ich misstrauisch, nutze schließlich statt des Ortsnamens in der Navigations-App eine Pin, die mir für das Treffen zugesandt wurde: „welche.tischtennis.bekannte“ heißt der in der Verschlüsselung, die das Kerngeschäft von What3Words ist. Und das bringt mich buchstäblich in letzter Sekunde auf die richtige Spur.

„Als hätte es noch eines Beweises bedurft“, lacht Gründer Chris Sheldrick, als er von meinem Beinahe-Malheur erfährt. Regelmäßige verpasste Treffpunkte und Künstler am falschen Ort während seiner Zeit als Manager in der Musikindustrie waren es, die Sheldrick auf die Idee für What3Words brachten: Der gesamte Globus wird mit einem Netz von 57 Bio. 3 x 3 m großen Quadraten überzogen. Jedes wird mit drei Worten eindeutig beschrieben. Das detaillierte Adresssystem lässt sich zum Vereinbaren von Treffpunkten nutzen. Vor allem erleichtert es aber die Arbeit von Zustelldiensten und die humanitäre Hilfe.

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Auf dem Weg zum Konferenzraum in Westbourne Studios durchquere ich eine Vielzahl von Quadraten, um schließlich in zimt.reihe.zeit zu landen. Sheldrick hat gleich ein weiteres Beispiel parat, wie in London übliche Adressen an ihre Grenzen stoßen. Das Bürogebäude, ein cooler Coworking Space mit Kaffeebar im Atrium, unverputzten Backsteinwänden und jeder Menge Gründern, die hier arbeiten, hat die Postleitzahl W10 5JJ. Die Postleitzahlbezirke innerhalb der Metropole sind klein, umfassen meist nur wenige Wohnhäuser oder gar ein einziges Bürogebäude – und sind so gut geeignet für die Navigation. Doch da Westbourne Studios direkt unter dem Westway liegt, einer der großen Einfallstraßen, würde es immer wieder vorkommen, dass Lieferanten auf diesen Highway geleitet würden und von dort nicht weiter wüssten.

Sheldrick betont, dass es nicht nur um eindeutigere Adressen geht, sondern darum, Bereiche zu erschließen, die bisher gar nicht mittels Straße und Hausnummer erfasst oder nur schwer zu finden sind. Laut einer UN-Statistik haben 4 Mrd. Menschen weltweit keine Adresse, weil sie in überfüllten Slums leben oder in ländlichen Gebieten, für die nie Straßennamen vorgesehen wurden. „Diese Menschen sind praktisch unsichtbar“, sagt Sheldrick. Sie können keine Post bekommen, werden in offiziellen Statistiken nicht erfasst und können kein Gewerbe aufsetzen. Hinzu kommt eine Vielzahl von Ländern, Schätzungen zufolge mehr als 130 Staaten, deren Adresssystem lückenhaft und nicht eindeutig ist. Lieferungen in solche Gegenden werden durch die drei Worte teilweise überhaupt erst möglich.

Vertrag mit Mongol Post

Eine Reihe von Lieferdiensten hat das Konzept schon überzeugt. „Verspätungen oder Ausfälle bei Lieferungen sind immer ein Problem“, sagt Sheldrick. What3Words soll helfen, dass diese immer seltener werden.

Ein Erfolg ist der Vertrag mit Mongol Post, die das Drei-Wörter-System aktuell einführt. In dem Drei-Millionen-Einwohner-Land gibt es in der Hauptstadt Ulan-Bator zwar viele Straßen mit Namen. Im Rest der Mongolei ist das aber eher die Ausnahme. Bald wird es genügen, „viereckige.einteilungen.vielfältiger“ als Aufschrift eines Briefes zu notieren, um diesen an eine Adresse in der Stadt Dalandsadgad zu liefern.

Auch das arabische Logistikunternehmen Aramex nutzt What3Words. Der Konzern ist so angetan von der Idee, dass er bei der jüngsten Finanzierungsrunde mit etwa 8,5 Mio. USD die Führung übernommen hat. Auch der IT-Konzern Intel und Li Ka-Shings Investmentfirma Horizons Ventures sind beteiligt. Carteiro Amigo, ein genossenschaftlicher Zustelldienst in den Favelas von Rio, ist ein weiterer Nutzer. Während sowohl die App als auch die Nutzung der Kartenfunktion für Privatpersonen kostenlos sind, zahlen kommerzielle Anwender volumenabhängige Lizenzgebühren. Ihnen ist es auch möglich, in großem Stil rasch klassische Adressen in drei Wörter umzukodieren.

GPS hat Schwächen

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Kritiker weisen darauf hin, dass es des Wortkonzepts nicht bedürfe, schließlich lasse sich jeder Punkt der Erde durch seine GPS-Koordinaten bestimmen. Doch Sheldrick hat damit seine Erfahrungen gemacht. „Wir haben Koordinaten eine Weile für mein Musikbusiness genutzt – bis eines Tages ein Musiker anrief. Er hatte zwei Nachkommastellen vertauscht und war statt eine Stunde südlich von Rom eine Stunde nördlich der Stadt gelandet.“

What3Words dagegen hat vorgesorgt gegen Tippfehler und Wortdreher. Zum Beispiel beschreibt „lesen.heute.oben“ einen Ort im Stubaital in Tirol. Die verwandte Adresse lese.heute.oben ist dagegen in Brasilien, lesen.heute.ofen im US-Bundesstaat Tennessee. Durch die große Entfernung sollte eindeutig klar sein, welcher der drei Orte das richtige Ziel ist.

Inzwischen existiert das Konzept in elf Sprachen, von Englisch über Türkisch bis Deutsch. Weitere sollen in Kürze folgen. Und Sheldrick hat bereits eine Anfrage, auch den Planeten Mars zu kartografieren. (cs)

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