Wie Quehenberger sich erfolgreich digital aufgestellt hat

Quehenberger Logistics
(Foto: Quehenberger Logistics)

„Wir sind ein sehr einfach gestricktes Unternehmen“, sagt Christian Fürstaller über die Augustin-Quehenberger-Gruppe. Dabei hat die Spedition seit einem Neustart vor acht Jahren ein fulminantes Wachstum hingelegt. 2009 erwirtschaftete das Unternehmen 120 Mio. EUR Umsatz mit 700 Mitarbeitern, 2015 waren es bereits 493 Mio. EUR mit rund 2700 Beschäftigten. „Wir haben für einen Mittelständler eine vernünftige Größe erreicht“, gibt sich Fürstaller dennoch bescheiden. Er bestätigt jedoch, dass sie sich für die ersten fünf Jahre einen ganz klaren Wachstumsplan überlegt hatten: „Der war eher aggressiv angelegt – insbesondere was Akquisitionen betraf.“

Der ehemalige Profifußballer hält klar definierte Ziele für wichtig. Große Industrie- und Handelskunden erwarten Leistungsfähigkeit und Produktvielfalt, ist sich Fürstaller sicher. „Wir wollen in unseren Kernbereichen möglichst ein Vollanbieter für unsere Kunden sein“, benennt er das Ziel für Quehenberger Logistics. Strategie sei die Konzentration auf mittelgroße und große Kunden aus den Kernbranchen Automotive, Fashion, Retail und Fast Moving Consumer Goods. Für diese werden maßgeschneiderte Angebote in möglichst allen Regionen zentral entwickelt.

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IT-Standards bilden Grundlage

„Wir haben sehr konkrete Vorstellungen, wie unsere Firma aussehen soll“, erklärt Fürstaller. Trotz vieler Übernahmen hat er es so geschafft, das Unternehmen auf Kurs zu halten. „Wir sind ein sehr zentralistisch organisiertes Unternehmen“, betont er. Standards gelten für sämtliche Unternehmenseinheiten in allen Ländern. Entscheidend ist für den Unternehmenschef dabei die IT. „In 15 von 18 Ländern haben wir unsere Standards von der Finanzsoftware bis zum ERP-System implementiert“, betont er. Der Rest folge in Kürze. Zum einen könne nur so das wachsende Unternehmen gesteuert werden, zum anderen sei dies die Voraussetzung für eine gelungene Integration aufgekaufter Unternehmen.

Viele Kunden aus Industrie und Handel sind seiner Ansicht nach auf Logistik 4.0 nicht vorbereitet. Papier spielt in der Abwicklung noch immer eine große Rolle. „Viele haben ein völlig falsches Bild über die realen Zustände in den Logistikabteilungen der Verlader“, betont Fürstaller. Insbesondere bei Großkonzernen sieht er Nachholbedarf. „Es ist eine Herausforderung, die richtigen Daten transparent vorzulegen. Das ist die Grundlage für vernetzte Logistik.“

Das Problem: Viele Daten sind nicht digital verfügbar oder liegen nur als unstrukturierter Datenberg vor. „Wir müssen in unserem Unternehmen Big Data handhaben können“, nennt er eine Zukunftsaufgabe. Anderenfalls seien keine durchgehend digitalen Prozesse möglich.

Quehenberger kauft hierfür extern entwickelte Software und stellt IT-Experten, die gemeinsam mit dem Dienstleister die Programme an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Fürstaller hält nichts von selbst entwickelter, unternehmensspezifischer Software. Er strebt nach einfachen, standardisierten Lösungen: „Letztlich ist ein Logistikprozess keine hochkomplexe Angelegenheit – deshalb müssen modifizierte Standardprodukte reichen. Viel entscheidender ist die Fähigkeit zur Vernetzung mit anderen Unternehmen.“

Papierfluss abschaffen

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Die eigene Flotte ist papierlos unterwegs. Standort, Lenk- und Arbeitszeiten der Fahrer und Ladung der Fahrzeuge sind zentral über das Telematiksystem erfasst. Es gibt für Subunternehmer eine eigens entwickelte Quehenberger-App, um diese anzubinden. Fürstaller fordert, dass der Papierfluss im internationalen Transportwesen in den kommenden Jahren gänzlich abgeschafft wird. In der Disposition hat der Eigenfuhrpark von derzeit knapp 600 Fahrzeugen ein Vorgriffrecht auf die verfügbaren Ladungen, um Leerkilometer zu vermeiden. Wobei auch im Komplettladungsgeschäft die Disposition zunehmend automatisch erfolgen soll.

Bis zu 70 Fahrzeuge einsparen

Aktuell beschäftigt ihn das Joint Venture mit der ÖBB im Stückgutgeschäft. Quehenberger Österreich bringt das Stückgut- und Warehousing-Geschäft in Q Logistics ein. „Wir wollen künftig im nationalen und internationalen Stückgutmarkt eine neue Dimension erreichen“, meint Fürstaller. Die ÖBB-Stückguttochter ECL fährt seit Jahren Verluste ein. „Unser Stückgutgeschäft war allerdings bisher auch kein Sahnestück“, gibt er zu. Die Umbrüche in dem Markt seien der Hintergrund für die Kooperation mit der ÖBB. Das Stückgutgeschäft in Österreich sei extrem volumenabhängig, mit hohen Fixkosten belastet und stehe unter großem Wettbewerbsdruck. „Ich erwarte Skaleneffekte, die uns helfen, durch das gemeinsam größere Volumen und höhere Effizienz ein besseres Ergebnis und höhere Leistungsfähigkeit für unsere Kunden zu erzielen.“

Q Logistics soll Synergien in der Fläche nutzen. Das heißt: Standorte bekommen eine neue Ausrichtung, und die Verkehre auf den Hauptläufen werden reduziert, um die Fahrzeuge besser auszulasten. Er rechnet damit, dass mindestens 50 bis 70 Fahrzeuge pro Tag eingespart werden. Es gebe zudem bereits konkrete Pläne, wo doppelte Strukturen gestrafft werden können. So sollen sich Standorte stärker ausdifferenzieren: Einige konzentrieren sich auf das Logistikgeschäft, während andere als Stückgut-Hub erhalten bleiben. „Wir werden ins Stückgutgeschäft weiter investieren“, verspricht er. Wegen der gemeinsam größeren Umschlagmengen hält Fürstaller sogar Neubauten für erforderlich, bleibt insgesamt jedoch vorsichtig: „Ich sehe keine großen Wachstumschancen, denn das Geschäft in diesem Teilmarkt stagniert.“

Seit 2015 fährt Quehenberger wieder mit eigenen LKW auf den Hauptläufen im Stückgutgeschäft. Grund ist die zunehmend schwieriger werdende Suche nach Subunternehmen. „Sowohl im Verteilerverkehr als auch auf den Hauptläufen fehlen uns Unternehmer“, begründet Fürstaller. Mittlerweile ist die eigene Flotte auf 50 Fahrzeuge angewachsen. „Im Zuge der Kooperation mit der ÖBB wird der Eigenfuhrpark ausgebaut“, kündigt er an. Dieser werde jedoch 10 Prozent der eingesetzten Flotte von rund 1000 Fahrzeugen am Tag nicht überschreiten. Darüber hinaus sieht er durch das größere gemeinsame Volumen eine höhere Auslastung für die Schiene im Ost-West-Verkehr. „Wir wollen Riesenschritte bei Effizienz und in der CO2-Bilanz machen.“

Neuaufbau bei Luft- und Seefracht

Vor gut eineinhalb Jahren entschied Fürstaller, wieder in den Luft- und Seefrachtbereich einzusteigen. Logwin hatte 2010 dieses Kerngeschäft der ursprünglichen Quehenberger Spedition nicht mit verkauft. „Da hilft kein Jammern über verlorene Traditionen“, gibt sich der Unternehmer pragmatisch. Operativer Start war im Mai 2015. Er rechnet für 2016 mit einem Umsatz von rund 20 Mio. EUR mit 35 Mitarbeitern. Trotz des insgesamt schwierigen Umfelds ist er sehr zufrieden mit dem Wachstum in diesem Geschäftsfeld. „Es ist nicht unser Ansatz, Tausende Boxen hin- und herzuschicken“, erläutert er sein Vorgehen. Fürstaller will analog zur Unternehmensstrategie im Air-&-Ocean-Geschäft ganzheitliche, maßgeschneiderte Lösungen verkaufen. Deshalb sei ihm guter Kundenkontakt der Mitarbeiter wichtiger als ein schön klingender Name auf dem Firmenschild. Die direkte Kundenbetreuung sei dezentral, der Rest werde aus Salzburg organisiert. Operativ sind die Standorte Hamburg und Düsseldorf wichtig, künftig die Südhäfen Koper und Constanza.

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