Zukunftsfähige urbane Logistik braucht Nähe zum Empfänger

TU Wildau
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Berlin wächst rasant: Bis 2030 soll die Stadt bis zu 350.000 Einwohner hinzugewinnen. Allein diese Entwicklung stellt die Logistik zur Versorgung der Bürger und der Wirtschaft vor neue Herausforderungen. Dabei gibt es noch eine Reihe weiterer Einflussfaktoren, auf die sich die Metropolregion einstellen muss.

Unabhängig vom Bevölkerungswachstum nimmt der Güterverkehr zu. Daran hat der Onlinehandel mit seinem rapiden Wachstum einen entscheidenden Anteil. So hat sich der Umsatz in dieser Branche in den vergangenen 13 Jahren verfünffacht. Dabei stecken Marktsegmente wie der E-Commerce mit Lebensmitteln in Deutschland noch in Kinderschuhen­. Es ist zu erwarten, dass das Erschließen neuer Produktgruppen im Onlinehandel zu einer erheblichen Zunahme der Zustellungen führen wird.

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Zustellproduktivität halbiert

Bevölkerungswachstum und höhere Lieferleistung führen zu einer höheren Verkehrsdichte, deren Auswirkungen bereits heute in Berlin spürbar sind. So ist die Anzahl der möglichen Lieferungen, die ein Fahrzeug an einem Tag ausführen kann, in einigen Innenstadtbereichen in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte zurückgegangen.

Absehbar ist eine weitere Herausforderung, der sich die Logistikbranche mittelfristig stellen muss. Auf allen politischen Ebenen – von kommunal bis international – wird daran gearbeitet, Umweltaspekte stärker zu berücksichtigen. Diese Bestrebungen erzeugen einen Handlungsdruck auf städtischer Ebene, der sich früher oder später auch in Regulierungen für den städtischen Lieferverkehr niederschlagen wird.

Ein Schritt in die richtige Richtung sind gerade in Berlin die funktionierenden Ansätze für erfolgreiche und nachhaltige Citylogistik. So werden allein durch die Versorgung Berlins über die Schiene, mit Umschlag am Berliner Westhafen, aktuell 124.000 t CO2 pro Jahr eingespart. Zu den Logistikdrehscheiben im Stadtgebiet gehören neben dem Westhafen auch die Häfen Spandau und Neukölln sowie der Berliner Großmarkt. Hinzu kommen Start-ups wie die Firma Velogista aus Kreuzberg, die Lastenradtransporte im Nah­bereich für palettengroße Ware bis zu 500 kg übernimmt.

Auch die Berliner Umschlaggesellschaft Behala tritt immer wieder als Innovator auf. Beispielsweise hat das Unternehmen den bislang größten Elektro-LKW mit Straßenzulassung im Rahmen des Forschungsprojekts KV-E-Chain getestet, welches von der Technischen Hochschule Wildau geführt wurde.

Urbane Logistik braucht erhöhte Lieferfrequenz

Eine Hürde bei einer zukunftsorientierten Stadtlogistik ist, dass es gerade bei Gewerbeflächen zu Konkurrenzsituationen kommt, die nicht immer zugunsten einer umweltfreundlichen Logistik ausfallen. Amazon hat es geschafft­, sich seinen Platz in der Berliner Innenstadt für das wachsende Marktsegment „taggleiche Auslieferungen“ zu sichern.

In Großstädten wie Rom oder Paris ist zu beobachten, wie steigende Mieten für Einzelhandelsflächen zu einer Verkleinerung der Lagerflächen in Geschäften führen. Um die Warenversorgung sicherzustellen, erhöht sich zwangsläufig die Lieferfrequenz. Tendenziell werden für die Belieferung zunehmend umweltfreundliche E-Fahrzeuge und Lastenräder eingesetzt, was eine verstärkte Nachfrage nach Flächen nahe des Empfängers nach sich zieht.

All diese Entwicklungen setzen Logistikflächen in sehr geringer ­Distanz zum Endkunden voraus. Im wachsenden Berlin ist die Knappheit von Immobilien und die daraus folgende Wettbewerbssituation für die Bevölkerung und die Gewerbetreibenden spürbar. Das lässt sich an der Preisentwicklung ablesen: Die Durchschnittsmieten für Büroraum haben seit 2008 um 25 Prozent zugenommen, für Wohnimmobilien sogar um 50 Prozent.

Mieten für Logistikimmobilien werden steigen

Eine besondere Herausforderung für die Logistik ist, dass die Mehrpreisbereitschaft aufgrund geringer Margen kleiner ist als in anderen Branchen. Deshalb ist nicht zu erwarten, dass sich die erhöhte Nachfrage nach Logistikflächen in steigenden Mieten niederschlagen wird. Im Gegenteil: Die höheren Renditen anderweitiger Nutzungen werden die Verdrängung von Logistikflächen begünstigen und den Nachfragedruck nach Logistikflächen erhöhen. Gleichzeitig existieren Konflikte zwischen der Ausweisung für Gewerbe und für andere Nutzungen.

Vor dem Hintergrund sollte der Fokus darauf liegen, bestehende Gewerbeflächen und hier insbesondere trimodal angebundene innerstädtische Hafenstandorte zu entwickeln, zu modernisieren und auszubauen, so dass der Güterverkehr umweltfreundlich per Bahn und Schiff bis in die Stadtzentren erfolgen kann. Dann lässt sich das Ziel erreichen, die sogenannte „letzte Meile“ so kurz wie möglich zu halten, damit sie für zukunftsfähige Verkehre per Elektro-LKW und E-Lieferfahrzeuge kein Problem darstellt. (ma)

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