Zwischen Schutz und Kontrolle

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Unfälle mit Toten, Sachschäden an Fahrzeugen und der Infrastruktur, Brüche in den Lieferketten, oft langwierige Ausfälle von Mitarbeitern durch Verletzungen – all das ist zwar nicht gänzlich vermeidbar, bleibt aber dennoch ein nicht zuletzt hochpolitisches Kernthema, wenn es um die Sicherheit im Transportsektor geht. Kein Wunder also, wenn sich das Internationale Verkehrsforum der OECD auf seiner Jahrestagung in Leipzig vor allem Sicherheitskonzepten widmete und zum weltweiten Erfahrungsaustausch darüber einlud.

Digitalisierung wird die Schlüsselrolle spielen, wenn es um neue, innovative Ansätze für die Verkehrssicherheit geht, darüber sind sich die Experten weithin einig, wenngleich die Basics wie die Einhaltung von Lenk- und Ruhezeiten, sichere Fahrzeuge und Ladungen oder gut geschultes Personal natürlich weiterhin ganz weit oben auf der Agenda stehen und auch im Alltag kontrolliert werden müssen.

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Der Einsatz von Big-Data-Systemen kann heute schon mehr als die Transportketten effizienter machen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die nationalen Regeln für den Datenschutz die Grenzen für den Einsatz nicht zu eng ziehen. Wieder einmal gehen vor allem asiatische Staaten, aber auch Russland hier mit einem atemberaubenden Tempo voran.

Kameras disziplinieren Fahrer und Arbeiter

Die Überwachung von Infrastrukturen mittels hochauflösender Videotechnik, die zentrale Speicherung und Verarbeitung von Daten, die Nutzung der Informationen für die Kontrolle der Regeln und Gesetze durch Behörden, aber auch für Unternehmen sind hier kaum umstritten – und entsprechende Anlagen durchaus bereits in Betrieb.

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Nikolai Asaul, Vize-Verkehrsminister in Russland etwa hält den Aufbau einer zentralen Datenplattform in seinem Land, auf der vom Routing über die Lokalisierung von Unfällen bis hin zu Verstößen gegen Verkehrsregeln alles abgeladen wird, für uneingeschränkt sinnvoll, wobei er nicht nur die etwa eine Million LKW, die mit GPS bereits ausgerüstet sind, einbinden will, sondern alle Transporte, auch die auf der Schiene oder mit dem Schiff und die Luftfracht. Zusätzlich seien bereits Kamerasysteme an wichtigen Trassen installiert, die durch ihr bloßes Vorhandensein zu einer Disziplinierung der Fahrer beitrügen – aber natürlich ebenfalls Daten in die Plattform einspeisen sollen. „Wir müssen in solche Sicherheitskonzepte viel Geld investieren, aber es lohnt sich für uns“, so der Minister.

Zahlreiche asiatische Länder, von China bis hin zu Singapur, sowie auch Australien, haben inzwischen Kamerasysteme installiert, die zum Teil sogar eine Gesichtserkennung der Fahrer erlauben. „Das bringt viele Möglichkeiten, von einer ganz simplen Ermittlung, wie viele Menschen im Fahrzeug sitzen, bis hin zur gezielten Verhinderung von terroristischen Angriffen“, berichtet Mervyn Cheah, Vizepräsident der NEC Asea Pacific aus Singapur. Er wundere sich zusammen mit seinen Kollegen, warum das in Europa so viele Bedenken auslöse, vielleicht von Großbritannien einmal abgesehen.

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„Glauben Sie mir, der Nutzen ist enorm und lässt eventuelle Nachteile völlig in den Hintergrund treten“, so Cheah, dessen Unternehmen in Singapur bereits 2014 ein erstes Telemematik-System zur Überwachung des Verhaltens von Busfahrern implementiert hatte. Über die juristische Debatte in Deutschland, ob eine im Cockpit montierte Dashcam ein Beweismittel für eine Unfallklärung liefern könne, owohl sie ja eigentlich gar nicht betrieben werden darf, kann sich Cheah nur wundern.

Überwachung und Kontrolle teilweise notwendig

Technologie für die Überwachung und Steuerung des Straßenverkehrs wird spätestens mit dem Einsatz der ersten (halb-)autonomen Fahrzeuge unumgänglich werden, ist Sabrina Soussan, CEO von Siemens Mobility, überzeugt. Bei der Bahn, wo das halbautonome Fahren längst Standard ist, sorgen viele Überwachungssysteme dafür, dass die technischen Systeme und auch der immer noch an Bord befindliche Lokführer hellwach bleiben.

„Wir arbeiten jetzt daran herauszufinden, mit welchen Anpassungen diese Systeme für den Straßenbereich übertragbar wären“, sagt Soussan. Eine um den Faktor 127 größere Sicherheit bei Bahntransporten gegenüber dem Straßentransport mache hier eine durchgreifende Änderung nötig. „Wir wissen heute, wo sich jeder Zug befindet und mit welchem Tempo er unterwegs ist. Wir können ihn auch bei Gefahr stoppen“, sagt die Siemens-Managerin. Dass man bei Abweichungen jederzeit eingreifen kann, sei zumindest für die Sicherheit ein großer Vorteil.

Allerdings hängt die Innovation oft genug auch vom Zugriff auf die Daten ab – und hier fehlt es vor allem in Europa häufig an sinnvollen Regelungen. Das betrifft laut Nikolas Bouvier, Vizechef der Dekra, nicht nur den restriktiven Datenschutz, sondern auch den fehlenden Zugang zu den Fahrzeugdaten. Bisher wachen die Fahrzeughersteller argwöhnisch über ihr Monopol bei wichtigen Daten der Fahrzeuge, deren Analyse aber für die Beurteilung der technischen Sicherheit wichtig ist.

Obwohl der Gesetzgeber in den meisten Ländern eine herstellerunabhängige Zertifizierung für Nutzfahrzeuge während der Nutzungsdauer vorschreibe, sei das praktisch unmöglich, weil die immer breiter eingebaute Software nicht mehr ohne den Zugang zu den entsprechenden Datensätzen prüfbar sei“, so der Dekra-Experte. (sl)

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