Zwölf Virtuelle Disponenten

(Foto: iStock)

Frachtenbörsen und Speditionsplattformen sind mit einem virtuellen schwarzen Brett zu vergleichen. Das Hamburger Start-up Cargonexx setzt jetzt eine künstliche Intelligenz (KI) ein, um Spediteuren für eine eingestellte Fracht einen verbindlichen Preis zu nennen, schneller als diese zur Kaffeetasse greifen können. Wird dieser Preis akzeptiert, kümmert sich das Unternehmen um einen Frachtführer.

Für die genaue Preisermittlung konkurrieren ständig zwölf Statistikprogramme miteinander. Sie ermitteln aus historischen Tourendaten, anhand von Beladungs-, Entladungsorten, Fahrtstrecken, Volumen, Ladungsgewicht, Sonderleistungen oder nötigen Spezialfahrzeugen, Muster zur Preisermittlung. Dabei versuchen die selbstlernenden Programme, den damaligen Transportpreis zu treffen.

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Digitales Bauchgefühl

Menschliche Disponenten beziehen allerdings mehr als die nackten Transportdaten mit in ihre Bewertungen ein. Sie wissen, wann große Baustellen einen Transport behindern, Benzinpreise schwanken, Betriebsferien großer Automobilwerke und ganzer Bundesländer Rücktouren erschweren oder saisonale Schwankungen auftreten.

Damit Cargonexx zukünftig sinnvolle Angebote abgeben kann, wurden die Datensätze um genau solche Zusatzdaten angereichert. Mit den bisher gesammelten 500.000 Datensätzen aus historischen Touren mit unterschiedlichsten Variablen und Gütern üben die virtuellen Disponenten bereits seit längerem. Die Daten wurden dafür gruppiert, wobei es zwischen diesen Clustern auch Überschneidungen gibt. Immer wieder werden einzelne Datenpunkte herausgegriffen und Formeln zur Preisbestimmung gesucht. Kann ein einzelner Preis hergeleitet werden, dann nutzt jeder der Algorithmen seine eigens gefundene Formel für den nächsten Datensatz und ermittelt den „logischen“ Preis. Anfangs treffen diese Schätzungen selten zu, und weitere Einflussfaktoren werden einbezogen und die Formel angepasst. Haben sich alle zwölf Programme durch die Unmengen an Zahlen gewühlt, entscheidet eine Bewertung, welche Formel mit der höchsten Wahrscheinlichkeit auch zukünftige Ergebnisse vorhersagen kann. Mit neuen Daten beginnt der ewige Kreislauf des Lernens erneut. Eine riesige Serveranlage sucht man beim Hamburger Unternehmen jedoch vergeblich, die gesamte Software ist auf die Amazon Cloud ausgelagert.

Damit die Algorithmen überhaupt mit ihrer Arbeit beginnen können, muss der Spediteur seinen Auftrag eintragen. Dies geschieht direkt in einer Maske im Internetbrowser. In nur wenigen Minuten werden die relevanten Daten eingetragen: Start, Ziel, Datum der Lieferung, Zeitfenster, Warenart, Gewicht, Lademeter, Fahrzeugspezifikationen und Be-/Entladebesonderheiten. Die künstliche Intelligenz braucht schätzungsweise noch rund zwei Monate, bis sie, mit über einer Million Datensätzen von unterschiedlichsten Transportgütern, einen verbindlichen Preis binnen Millisekunden anbieten kann. Bis dahin müssen die Spediteure selbst einen Preis vorschlagen.

Egal wie gut die Preisschätzung am Ende ist, weiterhin müssen Güter zuverlässig von A nach B transportiert werden. Im Gegensatz zu einer Frachtenbörse endet die Arbeit der Spedition, wenn der vom Algorithmus-Team angebotene Preis angenommen wurde. Cargonexx übernimmt die komplette Haftung für den Auftrag und verpflichtet sich zum Transport der angegebenen Waren zum errechneten Preis. Für die Transportkapazitäten kooperiert die Plattform mit bisher über 400 angemeldeten Transportunternehmen – rund 4000 LKW. Diese hat das Start-up im Vorfeld verifiziert. Die Frachtführer benötigen keine zusätzliche Soft- oder Hardware und können Touren direkt über den Browser oder ihr Smart­phone annehmen. Unzuverlässige Fahrer werden im System vermerkt und von weiteren Aufträgen zurückgehalten.

Für Spediteure und Frachtführer kostenlos

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Hinter der Hamburger Idee steht kein Gebührenmodell – sowohl Auftragseinsteller als auch Transporteure können vollkommen kostenlos interagieren. Cargonexx finanziert sich von der Differenz, die zwischen dem errechneten Preis mit dem Spediteur und dem finalen Lohn für die Tour entsteht. Damit hängt der Gewinn von einer genauen Schätzung ab, denn der Preis soll sich für den Spediteur lohnen, und dennoch muss ein Fahrer gefunden werden – sonst zahlen die Plattforminhaber drauf.

Die besondere Herausforderung für die Prognosen sind Ausreißer, also Touren, die stark von historischen Daten abweichen. Mit weiteren Daten und schnelleren Rechnern sollen die Preisbestimmungen langfristig marktrelevant bleiben, denn auch eine KI braucht ständig Menschen mit Praxiserfahrung, die Eingangs- und Ausgangsdaten interpretieren und statistische Zusammenhänge auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Sonst heißt es: Garbage in, garbage out.

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Über Tim Meinken 197 Artikel

Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig.
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