Blue Rocket Congress 2019: Sechs Wahrheiten zur Logistik von morgen

Foto: Dierk Kruse
Foto: Dierk Kruse

Bei der Digitalisierung verharrt die Logistik im Branchenvergleich seit Jahren im Mittelfeld, wie verschiedene Studien zeigen. Ein Grund könnte sein, dass viele Unternehmen Digitalisierung noch immer mit einer leistungsfähigen IT gleichsetzen und entsprechend vor allem in die Hardware investieren. Doch es gibt weitere Gründe, und es gibt Ansätze, dies zu ändern, wie der dritte Blue Rocket Congress der DVZ in Hamburg zeigte. Hier sind sechs zentrale Erkenntnisse.

1. Der Kundenzugang wird zunehmend digital

Kundenkontakt, Kundenansprache, Kundenpflege – auch in der Logistikbranche erfolgt all dies mehr und mehr online. Neue, digitale Geschäftsmodelle verändern den Zugang zu den Kunden grundlegend. Entsprechend würden auch im Straßengüterverkehr mehr und mehr Sendungen online abgewickelt, betonte Ewald Kaiser, ehemaliger Schenker-COO und mittlerweile geschäftsführender Gesellschafter des Beratungsunternehmens Corporate Navigators.

Ewald Kaiser (geschäftsführender Gesellschafter Corporate Navigators). (Foto: Dierk Kruse)
Ewald Kaiser (geschäftsführender Gesellschafter Corporate Navigators). (Foto: Dierk Kruse)

Er stützt sich dabei auf Zahlen aus einer Studie des Marktforschungsunternehmens Transport Intelligence. Dabei gaben die Befragten an, dass im Schnitt 10 Prozent ihres Volumens online versandt werden. Das seien 4 Prozent des Gesamtvolumens im Markt, sagte Kaiser. Gemäß Studie wird sich das online abgewickelte Volumen innerhalb von fünf Jahren verdoppeln. Kaiser zufolge ist dies aber eine zu konservative Annahme. Er geht davon aus, dass es in diesem Bereich bald zu einem exponentiellen Wachstum kommt und in fünf Jahren folglich bereits an die 50 Prozent der Geschäfte online abgewickelt werden.

Der Marktkenner propagiert angesichts dieser Perspektive ein kundenorientiertes Geschäftsmodell. Ein Vorzeigemodell dafür sei Netflix: „Es ist ein Filmbetrieb, ohne Kinos, und sie haben eine Eins-zu-eins-Kundenbindung hergestellt.“ Wenn Logistikunternehmen sich folglich nicht neu aufstellten, würden neue, spezialisierte Anbieter in die Lücke stoßen und die veränderten Anforderungen der Kunden bedienen, warnte er.

2. Plattformen können eine Bedrohung werden

Plattformen würden dabei zunehmend an Bedeutung gewinnen, so Kaiser weiter. Ihm zufolge gibt es drei verschiedene Arten von Plattformen: digitale Spediteure („E-Forwarder“) sowie offene und geschlossene Plattformen. Die sogenannten „E-Forwarder“ bieten demnach Offlineprodukte auch online an und ergänzen ihr Onlineangebot mit Zusatzinformationen und Analysetools. Als Beispiel nannte er das zur Stückgutkooperation Cargoline gehörende Start-up Cargoboard.

Oliver Roscher (Anfang Machen). (Foto: Dierk Kruse)
Oliver Roscher (Anfang Machen). (Foto: Dierk Kruse)

Dem gegenüber stehen offene und geschlossene Plattformen. Beide agieren gänzlich online. Offene Plattformen sind transparent für alle Marktteilnehmer und arbeiten transaktionsbasiert. Das ermöglicht Kunden, Preis, Angebote und Konkurrenten zu vergleichen. Kaiser beschreibt sie als „Marktplatz“ und ihre Betreiber als „Makler“. Beispiele sind Timocom und Transporeon.

Bei geschlossenen Plattformen ist die Preisfindung für die Teilnehmer hingegen nicht mehr transparent. Sie schaffen demnach ein Monopolwissen, da sie Netzwerkeffekte erzielen und die beiden Marktseiten – Angebot und Nachfrage – voneinander abschotten. Daher seien sie für etablierte Logistiker potenziell bedrohlich. Ein Beispiel sei der US-Anbieter Uber Freight, so Kaiser.

Foto: Dierk Kruse
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3. Aus Partnern werden Konkurrenten

Ein weiterer Trend ist, dass Carrier vermehrt versuchen, zusätzliche Teile der Logistikkette unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies zeigt sich aktuell beispielsweise in der Seefracht, machte Klaus-Peter Barth, früherer Deutschland-Geschäftsführer von NYK und heute Associate Partner bei HPC Hamburg Port Consulting, deutlich. Das Umdenken habe eingesetzt, nachdem die Linienreeder im vergangenen Jahrzehnt zwar immense Summen investiert hätten, aber keinen entsprechenden Gewinn erzielt hätten, während die Spediteure beispielsweise fast durchgängig ordentlich schwarze Zahlen geschrieben hätten. „Daher sind einige Carrier nun dazu übergegangen, ein Serviceprodukt statt einer bestimmten Rate am Markt zu verkaufen“, betonte der Marktkenner.

Möglich sei ein solches verändertes Geschäftsmodell der Linienreeder, indem sie die vielen, beim Transport anfallenden Daten konsequent nutzten, sagte Barth und stellte eine Margenerhöhung um 25 bis 100 USD pro Teu auf Seiten der Carrier in Aussicht. Begründung: Guter Service sei den Kunden durchaus etwas wert. Einer echten Servicezuverlässigkeit würden beispielsweise Einsparungen von 100 USD beigemessen, eine korrekte Rechnungstellung werde mit 50 USD veranschlagt, und selbst wenn der Reeder nur zügig auf telefonische Anfragen reagiere, sei dies den Kunden noch 25 USD wert.

Foto: Dierk Kruse
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4. Chatbots, 3-D-Druck und Virtual Reality

Nachhaltigen Einfluss auf die Logistik von morgen haben zudem neue Technologien, die vermehrt in der Logistik eingesetzt werden. Unabhängig voneinander schätzten dabei Ingo Bauer, Leiter Transport und Logistik bei Pricewaterhousecoopers (PWC), und Sallar Faridi, Direktor beim Accelerator Plug and Play in Hamburg, drei Dinge als zentral ein: Chatbots für einen automatisierten Kundenservice, Virtual Reality für Anwendungen im Lager und 3-D-Druck für eine On-Demand-Fertigung beispielsweise von Ersatzteilen.

5. Der Mitarbeiter als digitale Ressource

Doch wie können Logistiker auf all diese Veränderungen reagieren und die Digitalisierung meistern? Am Geld liegt es offenbar nicht. Deutsche Logistikdienstleister investierten überdurchschnittlich viel in die digitale Transformation, machte PWC-Experte Bauer deutlich. Über ein Drittel plane, mehr als 5 Prozent der Gesamtinvestitionen dafür auszugeben. „Doch für die Umsetzung einer digitalen Strategie benötigt man auch qualifizierte Mitarbeiter“, so Bauer. Und die fehlen noch. PWC zufolge hat bisher nur jeder zweite Logistiker Fachkräfte für Digitalisierung im eigenen Haus.

Dabei liege die Stärke in diversen Teams mit verschiedenen Fachkenntnissen, betont die selbstständige Digitalisierungsberaterin Julia Miosga. Es brauche folglich Menschen aus anderen Disziplinen, um innovativ zu denken. Bauer rät in diesem Zusammenhang, durch Kooperationen mit Start-ups Synergien zu heben und somit den Fachkräftemangel auszugleichen.

Ingo Bauer (Leiter Transport und Logistik bei PWC). (Foto: Dierk Kruse)
Ingo Bauer (Leiter Transport und Logistik bei PWC). (Foto: Dierk Kruse)

6. Kooperation von Start-ups und Etablierten

Wie das am besten funktionieren kann, das untersuchen derzeit die Universitäten Würzburg-Schweinfurt, Dresden und St. Gallen im Auftrag des Digital Hub Logistics Hamburg in einer Studie. Ziel sei es, Start-ups und etablierten Logistikunternehmen in einer Art „Kochbuch“ Praxisfälle und Anwendungsbeispiele für jedes Unternehmensniveau und jede Situation aufzuzeigen, sagte Digital-Hub-Geschäftsführer Johannes Berg. Ende September kommenden Jahres sollen die Forschungsergebnisse vorliegen und dann auch in einem Leitfaden veröffentlicht werden.

Digital-Hub-Geschäfsführer Johannes Berg. (Foto: Dierk Kruse)
Digital-Hub-Geschäfsführer Johannes Berg. (Foto: Dierk Kruse)

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