Deutscher Logistik-Kongress: Digitalisierung braucht Mut und Sensibilität

"Es wäre ein mutiger Schritt, digitale ­Verantwortung zu leben." Alexander Birken, CEO Otto Group. (Foto: Dierk Kruse)

Datenanalysen und digitale Prozessunterstützung haben die Logistik in vielen Unternehmen bereits grundlegend verändert. Andere sind noch dabei, ihr Geschäftsmodell anzupassen, oder suchen eine passende Digitalisierungsstrategie. Die Aufgabe ist, sich permanent weiterzuentwickeln und zu schauen, wie sich die neuen technischen Möglichkeiten am besten gewinnbringend einsetzen lassen. Der Deutsche Logistik-Kongress vorige Woche in Berlin lieferte dazu wichtige Kernbotschaften.

1. Mut zu scheitern ist gefragt

Um den digitalen Wandel zu gestalten, ist Mut der zentrale Baustein. Das betont Alexander Birken, Vorstandsvorsitzender der Otto Group. Besonders Führungskräfte müssten bereit sein, sich auch von erfolgreichen Konzepten zu verabschieden, um neue Wege zu gehen. Es brauche auch den Mut zu scheitern. Deswegen veranstalte Otto seit 2016 sogenannte „Fuckup-Nights“, bei denen beispielsweise Manager erzählen, wo und wie sie gescheitert sind. Das würde auch anderen im Unternehmen Mut machen, Neues auszuprobieren, erklärte der CEO.

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Für Birken ist Mut auch, öffentlich Stellung zu beziehen. Sei es zur Globalisierung und Migration, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung. Als großes Unternehmen habe man auch großen Einfluss und damit die Verantwortung, neue Maßstäbe zu setzen. Hierfür sollte nicht nur die Politik in die Pflicht genommen werden. Deswegen will sich Otto mit anderen Unternehmen zusammentun, um das Thema digitale Verantwortung voranzubringen.

Es gehe darum, gemeinsam mit anderen Akteuren die Wege aus Deutschland heraus zu definieren. Dafür sollten Themen nicht nur in den üblichen Kreisen diskutiert, sondern konkrete Modelle und Initiativen entwickelt werden. „Es wäre ein mutiger Schritt für uns hier in Deutschland, hier in Europa, das Thema digitale Verantwortung mit Inhalt und mit Konzeptionen zu füllen und die auch zu leben.“

2. Durch die Automatisierung verlieren Lohnkosten an Bedeutung

Die Digitalisierung in der Industrie hat direkte Folgen für die Logistik. „Die kundenindividuelle und dynamische Produktion wird zunehmen“, stellt Prof. Jana Koehler fest, CEO Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Wenn die Fertigung an unterschiedlichen und wechselnden Orten stattfindet, müssen Logistiker flexibel sein. Teilweise werde die Produktion von China wieder näher an Europa heranrücken. „Durch die Automatisierung kommen Dinge, die ausgelagert wurden, wieder zurück“, sagt Koehler.

Die Lohnkosten seien künftig als Standortfaktor nicht mehr ausschlaggebend. „Das Know-how zu beherrschen ist wesentlich wichtiger“, betonte Koehler. Daher müssten auch ältere Mitarbeiter über 50 weiterqualifiziert werden. „KI-Lösungen zu erwerben, wird nicht schwer sein“, sagte sie, „kompetente Mitarbeiter zu gewinnen aber schon.“

Für Reiner Heiken, CEO Hellmann Worldwide Logistics in Osnabrück, sind ein starkes Team und eine starke Führung wichtig. „Wir brauchen Fachleute, die wissen, wovon sie reden.“ Das ist für Hellmann auch vor dem Hintergrund entscheidend, dass in den kommenden fünf Jahren die IT-Systeme komplett ausgetauscht werden sollen. Die Digitalisierungsanstrengungen sollen laut Heiken verstärkt werden; unter anderem mit „neuen Mitarbeitern, die einen anderen Blick auf das Geschäft haben“. Hinter dem Umbau stehe die Frage, wie eine internationale Spedition morgen betrieben werden kann, ohne sie kaputt zu machen.

3. Intralogistik organisiert sich selbst und ersetzt die herkömmliche Fördertechnik weitestgehend

Enorme Rechnerleistung, künstliche Intelligenz (KI) und sich selbst organisierende Transportsysteme prägen die Zukunft der Logistik. Die Technik dafür wird teilweise sogar im Weltraum erprobt. So hat das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund eine künstliche Intelligenz für spezielle, kachelähnliche Bauteile entwickelt, in deren Außenkanten Elektromagneten verbaut sind. Durch KI-Algorithmen können sich die Kacheln in der Schwerelosigkeit zu unterschiedlichen Aggregaten zusammensetzen. Das System soll die Basis für eine spezielle Logistik im Weltall bilden, wie Prof. Michael ten Hompel, Leiter des IML, berichtet. Tatsächlich hat das Prinzip funktioniert, wie sich bei einer Weltraummission mit Experimenten in der Schwerelosigkeit – die sogenannte New Shepard Mission des Unternehmens Blue Origin – im Mai dieses Jahres gezeigt hat.

Doch was bringen solche Forschungsprojekte für die bodenständige Logistik auf der Erde? „Wir haben eine Menge aus dem Projekt gelernt“, sagt ten Hompel. So wurden die Kacheln angepasst, aus Sechsecken sind Achtecke geworden. „Die magnetische Steuerung haben wir übernommen und erreichen damit den Zusammenhalt von aktiven und passiven fahrerlosen Transportfahrzeugen.“ Daraus können dann größere Gruppen von Fahrzeugen bis hin zu ganzen Schwärmen entstehen, die interagieren, um größere Teile zu transportieren. Fahrerlose Transportsysteme benötigen laut ten Hompel eine Menge KI. Die Fahrzeuge sind vollgepackt mit Elektronik und Steuerungssystemen. Hochauflösende Kameras analysieren die Umgebung der Fahrzeuge und dienen der Lokalisierung.

Ein Beispiel ist der vom IML entwickelte Loadrunner. Das mittels additiver Fertigung hergestellte Flurförderzeug kann Lasten aufnehmen und abgeben. Zugleich steuern sich mehrere dieser Geräte autonom und dynamisch im Schwarm.

Dass derartig komplexe Intralogistiklösungen möglich werden, liegt an der steigenden Rechnerleistung bei gleichzeitiger Verkleinerung der Chips. Die Technologie, mit der sich Schwärme selbst steuern, kommt ten Hompel zufolge an die Leistung heran, die 2000 noch den größten Superrechnern vorbehalten war. „Die Vision ist realistisch“, unterstreicht ten Hompel. „In den Logistikzentren wird es Schwärme von fahrerlosen Transportsystemen geben, die sich selbst organisieren. Sie ersetzen weite Teile der heutigen Fördertechnik.“

4. Quantencomputer schaffen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten

Ein Grund, warum der Einsatz von KI so intensiv diskutiert werde, sei ten Hompel zufolge, „dass die Logistik vollständig algorithmierbar ist, weil sie auf Grundregeln basiert“. Der zweite Grund sind die vielen verschiedenen Möglichkeiten, die bei der Gestaltung von Prozessen zu bedenken sind, und die vielen Rechenoperationen, die daraus resultieren, um gute Entscheidungen zu treffen. „Komplexe Netzwerke müssen hochflexibel berechnet werden“, sagt ten Hompel. In diesem Punkt unterstützen künftig Quantencomputer, ist er überzeugt.

Die diesen Superrechnern zugrunde liegende Technologie bahnt sich gerade ihren Weg. Ten Hompel stützt seine Aussage auf jüngste Veröffentlichungen über den Quantencomputer 53 Cubits von Google, der eine hochkomplexe Aufgabe in 3 Minuten und 20 Sekunden gelöst hat, wofür der derzeit leistungsfähigste herkömmliche Computer „Summit“ angeblich 10.000 Jahre benötigt hätte. Der IT-Konzern IBM bezweifelt die Angaben von Google.

5. Künstliche Intelligenz ermöglicht Mustererkennung und kann Prozessfehler vermeiden

Lieferketten mit Hilfe von Daten zu optimieren ist ein zentrales Thema bei der Digitalisierung von Prozessen. Für produzierende Unternehmen bedeutet das eine Transformation von der reinen Automatisierung hin zu autonomen Prozessen und selbstlernenden Systemen auf Basis von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzen. So formuliert es Prof. Katja Windt, Mitglied der Geschäftsführung bei der SMS Group in Düsseldorf, einem Anlagenbauer für die Stahlindustrie. Ihre Vision ist das lernende Stahlwerk.

Ein Merkmal des lernenden Stahlwerks ist das sogenannte Condition Monitoring, also das permanente Überprüfen einer Anlage, ob sie in der Lage ist, eine bestimmte Stahlqualität zu liefern. Ziel ist, eine möglichst hohe Stahlqualität zu erreichen, um die Rate der Abwertungen der Produkte (Downgrades) zu verringern und eine höhere Ausbringung zu erreichen. Wenn ein Fehler in der Stahlerzeugung passiert, suchen die Hersteller nach dem Grund. „Unsere Kunden schauen häufig rückwärts und versuchen, den Fehler dann auszuschalten“, beschreibt Windt das Vorgehen. „Wir wollen in Zukunft das Auftreten eines Fehlers vorher erkennen und verhindern.“ Für diese vorausschauende Analyse werden Mustererkennungsprozesse genutzt, die in einem lernenden System dann immer mehr Fehlerquellen ausmerzen können.

Ein bedeutender Kostenfaktor sind zudem Sicherheitsbestände. „Diese werden in der Regel einmal definiert und selten angepasst“, sagt Windt. Mit KI ließe sich ein lernendes System installieren, das die Sicherheitsbestände dynamisch anpasst. Es sei eine Reduktion um bis zu 15 Prozent möglich, sagt Windt. Die Funktion, die das ermöglicht, wurde in SAP entwickelt.

6. Datennutzung kann zu besserer Kapazitätsauslastung führen

Die Auswertung von Daten kann in der Produktion geldwerte Vorteile durch bessere Qualität bringen. Analog ließe sich auch die Transportkette verbessern. Doch nur wenige Unternehmen setzten beispielsweise dynamische Routenplanung oder Kapazitätsmanagement überhaupt ein, erklärt Anton Schäfer, Industry Lead Travel, Transportation and Logistics bei T-Systems International. T-Systems und BVL Digital hatten eine entsprechende Umfrage gestartet, um zu sehen, wo in der Lieferkette die meisten Probleme auftauchen und welche digitalen Maßnahmen Abhilfe schaffen könnten.

Ein zentrales Thema war der Fahrermangel. Das Teilen von Laderaum würde laut Schäfer zu einer besseren Auslastung von verfügbaren Kapazitäten führen. „Warum kann ein Fahrer nur für ein Transportunternehemen unterwegs sein“, fragt er. Apps, mit denen sich Fahrer untereinander austauschen oder Auftraggeber bewerten können, würden zum Allgemeinwohl beitragen und helfen, Fahrer zu binden und neue zu rekrutieren. Allerdings hätten weniger als 10 Prozent der befragten Unternehmen solche Konzepte umgesetzt, sagt Schäfer.

Dabei wollen laut Umfrage 80 Prozent mehr Daten zur Verfügung haben, und 70 Prozent seien bereit, ihre Daten zu teilen. Damit Unternehmen ihre Daten nicht direkt mit dem Wettbewerber teilen müssen, stellt der Mutterkonzern Telekom das Data Intelligence Hub. Über die Plattform können Daten ausgetauscht und gemanagt werden. „Das Wichtigste ist, dass das Eigentum an den Daten bei dem bleibt, der sie beigesteuert hat“, sagt Schäfer.

7. Sicherheit im Cyberraum ist keine Frage der Technik

Ob Produktion oder Transport: Mit der die Prozesse begleitenden vielfältigen Datenerhebung und -nutzung stellt sich immer die Frage, wie erreicht wird, dass Informationen nicht missbraucht oder IT-Systeme gehackt werden. Die Digitalisierung birgt nicht nur große Chancen und Veränderungen für die Wirtschaft, sie durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft und beeinflusst die Sensibilität der Menschen für Gefahren und ihr Sicherheitsdenken. Die Aufgabe, Sicherheit im Cyberraum herzustellen, ist dabei nicht allein durch Technologie zu lösen. Das betont der Publizist Sascha Lobo mit dem Hinweis, dass nicht die Technologie an sich die Welt ändert, sondern wie die Menschen sie nutzen. „Die Verantwortung für Sicherheit in die EDV-Abteilung schieben zu wollen ist eine fatale Haltung. Vielmehr geht es um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine.“

Durch künstliche Intelligenz und die Auswertung von Daten kämen auf die Gesellschaft Probleme zu, „von denen wir noch nichts ahnen“, mahnt Lobo. Grundsätzlich würden die Menschen es lieben, Daten zu teilen. Diese Datenbegeisterung habe keine natürliche Grenze, was sich daran zeige, dass manche Menschen auch bereit seien, intimste Daten über Apps zu teilen.

Sicherheit ist laut Lobo eher ein Gefühl, das auf Vertrauen basiert. Als Beispiel führt er Alexa an. Diese „Aufstellwanze“, wie er sie nennt, stellen sich viele freiwillig in die Wohnung, obwohl sie an anderer Stelle auf den Schutz ihrer persönlichen Daten pochen. Man vertraut eben dem Anbieter. Nachgewiesenermaßen haben Amazon-Mitarbeiter schon private Gespräche abgehört, um die Funktionen des Geräts zu verbessern; die Nutzerzahlen hat das nicht geändert.

Die Menge an persönlich preisgegebenen und durch Sensoren gesammelten Daten könnte auch für ein Sozialpunktesystem genutzt werden, ähnlich wie in China. Wer nicht genug positive Punkte in einem solchen Kreditsystem gesammelt hat, kann bestimmte Produkte oder Dienstleistungen nicht erwerben. Dass sich so etwas entwickeln kann, hat Lobo zufolge weniger mit autoritären Staaten zu tun, sondern mit der Digitalisierung an sich. „Wir müssen aufpassen, dass die Grundwerte einer liberalen Demokratie nicht en passant aufgeweicht werden.“ Um dies zu verhindern, müssen gerade junge Menschen, die Digital Natives, ein Gespür für die Gefahren entwickeln.

Googles Quantencomputer

Die Fachzeitschrift „Nature“ berichtete zuerst über Googles Erfolg, mit Quantentechnologie eine Rechenaufgabe zu lösen, an der die gegenwärtig leistungsstärksten Computer scheitern würden. In dem Superrechner laufen den Angaben der Entwickler zufolge die Prozesse nach den Gesetzen der Quantenphysik parallel und damit extrem schnell. Herzstück ist ein supraleitender Prozessor mit 54 Quantenbits, genannt „Sycamore“.

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