Die Automobilindustrie wartet auf die Blockchain

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Für Frank Bolten steht fest, dass die Blockchain in der Automobillogistik viele Einsatzfelder hat: „Wir sehen vor allem bei Prozessen, die für unterschiedliche Unternehmen, also auch für direkte Wettbewerber, wichtig sind, sehr gute Möglichkeiten, mittels Blockchain-Technologie erhebliche Effizienz- und Sicherheitsvorteile zu erzielen“, sagt der Managing Partner des auf die Blockchain spezialisierten Beratungs- und Entwicklungsunternehmens Chainstep aus Hamburg.

Ein Beispiel sei das Ersatzteilwesen. Alle Automobilhersteller hätten allein schon aus Sicherheitsgründen sehr großes Interesse an dem Einsatz von Originalersatzteilen. „Ein großer Gewinn wäre in unseren Augen eine Branchenlösung, bei der eindeutig und unveränderbar gekennzeichnete Produkte über den gesamten Lebenszyklus nachverfolgt werden können“, erklärt Bolten. Dies könnte den Durchbruch bei der erheblichen Reduzierung des Einsatzes von minderwertigen und sicherheitskritischen Ersatzteilen bringen. „Der heutige Stand der Blockchain-Technik bietet die Möglichkeit, bei derartigen Branchenlösungen die Daten zu strukturieren und sicherzustellen, dass nur derjenige Zugriff auf spezifische Daten hat, der diese auch erhalten soll.“

Den branchenübergreifenden Ansatz verfolgt Chainstep auch mit der im August vergangenen Jahres gemeinsam mit dem Berliner Start-up Xain und Evan aus Dresden initiierten Initiative Cobility. Ihr Ziel ist es, gemeinsam mit Unternehmen der Transportlogistik, Dienstleistern und Start-ups, konkrete Anwendungen zu entwickeln, die dann später zu einer dezentralen blockchain-basierten Transportlogistik-Plattform zusammenwachsen sollen.

Pilotprojekte mit Audi und Porsche

Evan verfolgt allerdings auch eigene Vorhaben. „Wir haben 2018 knapp zehn Pilotprojekte umgesetzt, von denen die Hälfte in diesem Jahr produktiv werden soll“, berichtet Projektmanagerin Anja Wilde. „Gerade in der Automobillogistik wird sich hier einiges tun. Die Treiber sind hier die Versicherungen.“ Gegenwärtig arbeitet Evan an einem Projekt mit den Banken der Automobilwirtschaft mit dem Ziel, alle finanzierten Fahrzeuge mit einer digitalen Identität auszustatten und die Daten auch dort zu speichern, um eine Mehrfachfinanzierung zu verhindern.

Im November 2018 wurde zudem ein Pilotprojekt mit Audi für das Bedarfs- und Kapazitätsmanagement abgeschlossen“, sagt Wilde. „Das Problem heute: Der elektronische Datenaustausch innerhalb der Lieferkette ist nur zwischen Unternehmen mit ERP-Systemen und nur für einen Teil der Prozesse möglich. Mit Hilfe der Blockchain erhalten die Beteiligten digitale Identitäten und können Lieferanfragen und -angebote digital austauschen.“

Einbezogen waren dabei neben Audi Lieferanten der ersten und zweiten Stufe, wobei der schnelle Informationsfluss ohne Eingriff in die Prozesse der Unternehmen erfolgte, also kein Standardformat bedingte. Den größten Benefit gebe es allerdings, wenn beispielsweise alle deutschen Hersteller sich an einem solchen Lieferantennetzwerk beteiligen würden.

Dennoch sind auch individuelle Anwendungen der Blockchain in der Automobilindustrie möglich. Ein Beispiel ist das Unternehmen Porsche, das im Februar vergangenen Jahres bekanntgab, zusammen mit Xain Blockchain-Anwendungen direkt im Fahrzeug zu testen. Als erster Automobilhersteller habe das Unternehmen die Blockchain in einem Auto implementiert und erfolgreich erprobt. Die getesteten Anwendungsfälle reichten von der Ver- und Entriegelung des Fahrzeugs per App über zeitlich befristete Zugangsberechtigungen bis hin zu neuen Geschäftsmodellen durch verschlüsseltes Datenlogging.

Auch Bezahlvorgänge ließen sich mit der Blockchain sicher abwickeln, beispielsweise Parktickets, Mautgebühren oder die Stromrechnung nach dem Laden eines Elektroautos.

Pilotprojekt 2019 bei VW möglich

Auch im Volkswagen-Konzern insgesamt wird die Blockchain weiterhin als interessante Option angesehen, die genau beobachtet werde, aktuelle oder künftige Einsatzgebiete würden analysiert. „Dazu sprechen wir mit diversen interessierten Technikpartnern, um Anwendungen zu identifizieren“, so eine Sprecherin. „In den aktuellen Prozessabläufen sind wir über die verschiedenen Standard-EDI-Nachrichten gut vernetzt und nutzen diese weiterführend zur Vernetzung aller Prozesspartner im Inbound und zur Erhöhung der relevanten Transparenz. Parallel überlegen wir, 2019 einen Piloten zu starten, der uns Erkenntnisse zum Mehrwert der Blockchain in den aktuellen Prozessen und Abläufen bietet oder Hinweise für Zusatznutzen in geänderten Prozessabläufen.“

In der Outbound-Logistik gebe es derzeit kein konkretes Vorhaben. „Wir schauen uns die Technik natürlich weiter an und analysieren auch mögliche Einsatzgebiete, haben hier bisher unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten aber keine Einsatzgebiete identifiziert“, resümiert die Sprecherin.

Gerade in der Automobillogisitk wird sich einiges tun.

Anja Wilde, Projektmanagerin bei Evan

Fünf Thesen für die Blockchain

Ob unternehmensübergreifend oder -intern, für die In- oder die Outbound-Logistik – Herausforderungen und Chancen gibt es gleichermaßen. Zusammen mit Unternehmen aus der Automobil- und Logistikbranche hat der Frankfurter IT-Dienstleister Etecture auf Einladung des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT und des Bundesministeriums für Verkehr und Digitale Infrastruktur (BMVI) daher fünf Thesen für das Potenzial von Distributed-Ledger-Technologien (DLT) wie der Blockchain erarbeitet.

1. Gewährleistung von Vertrauen und Vertraulichkeit

„Es ist ein Hemmnis, dass noch nicht abschließend geklärt ist, ob die Fahrzeugidentifizierungsnummern (FIN) als personenbezogene Daten im Sinn der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) gelten“, berichtet Steve Stein, Innovation und Digital Strategy bei Etecture. „Dabei ist die Verknüpfung mit der FIN das A und O für die Blockchain.“

2. Klarheit in der Datenhoheit

„Daten sind das neue Gold, aber anders als beim Urheberrecht für einen Fotografen fehlen gesetzlich klare und durchsetzbare Regelungen“, sagt Stein.

3. Verhinderung von Monopolbildung

„Den Unternehmen wird immer klarer, dass es vorteilhaft sein kann, Daten auszutauschen, um Monopole zu verhindern“, berichtet Stein. „Xain hat beispielsweise seinen KI-Algorithmus über den Datenpool eines fremden Anbieters gelegt und trainierte KI erhalten, ohne Einblick in die originären Daten zu haben.“

4. Netzwerkorganisation als Chance

„Wie gut Kooperation funktioniert, zeigt die Zusammenführung der Carsharing-Angebote DriveNow und Car2Go von BMW und Daimler“, hebt Stein hervor. „Implementierungen der Blockchain können dazu beitragen, die technischen Herausforderungen hinsichtlich der Skalierbarkeit und Interoperabilität sowie dem Umgang mit (fehlenden) Standards transparent zu machen und Lösungen zu entwickeln.“

5. Basis für neue Geschäftsmodelle

Stein: „Der große Vorteil der Blockchain ist und bleibt, dass sie Intermediäre überflüssig macht und niemandem gehört.“ (Claudia Behrend)

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