Diese Start-ups sind an der Krise gewachsen

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Krisen kommen plötzlich, werfen alle Pläne über den Haufen und bringen Menschen, Unternehmen und ganze Systeme an ihre Grenzen. Sie ist ein realer Härtetest, ohne Case-Szenario und Simulation. Doch gleichzeitig macht die daraus resultierende Not erfinderisch und kann unerwartete Chancen bergen. Das haben vier Start-ups am Donnerstag im Digital Hub Logistics Hamburg gezeigt, als sie mit Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann über ihren Umgang mit der Krise diskutierten.

Expansion, ohne Finanzierungsrunde

Frischepost, eine durch und durch nachhaltige Onlineplattform für landwirtschaftliche Produkte, hat beispielsweise von dem veränderten Kaufverhalten der Menschen profitiert: „Vor Corona haben wir uns fast ausschließlich auf Großkunden konzentriert, jetzt beliefern wir zu 50 Prozent Privatkunden“, sagt Frischepost-Gründerin Eva Neugebauer. Der rapide Nachfrageanstieg beim Onlineshopping hat das Hamburger Start-up zuerst in eine prekäre Lage gebracht: „Wir mussten innerhalb von zwei Wochen 40 neue Leute einstellen – Fahrer und Packer“, erzählt die Geschäftsführerin.

Dadurch hatte das 5-jährige Start-up jedoch keine Zeit, seine geplante Finanzierungsrunde durchzuführen können und kurzerhand eine einwöchige Crowdinvestment-Kampagne gestartet, durch das es in einer Woche eine halbe Mio. EUR sammeln konnte. „Das hat uns gezeigt, dass der Weg, den wir gehen, richtig ist – wenn auch sportlich“, sagt Neugebauer optimistisch. Das Jungunternehmen hat sich auch mit der Corona-Sofothilfe über Wasser gehalten. Es hat zwar keine Umsatzverluste verzeichnen – ganz im Gegenteil. Aber es war wegen des rasanten Wachstums und der fehlenden Investoren dennoch auf finanzielle Hilfen angewiesen.

Frischepost liefert die Produkte direkt vom Erzeuger zum Kunden, ohne Zwischenstufen. Dabei werden alle Produkte erntefrisch und nur auf Nachfrage produziert, nachhaltig und möglichst plastikfrei verpackt und ausgeliefert. Das Angebot gibt es in Hamburg und in der Rhein-Main-Region.

Während der Krise gegründet

Ähnlich wie Frischepost hat auch Nikolas Bullwinkel seine Chance im wachsenden E-Commerce gesehen und schnell reagiert. Er hat sein Start-up Pickery im April während der Corona-Zeit gegründet und Arbeitsplätze geschaffen.  „Es ist wie Lieferando, nur für Lebensmittel und Alltagsprodukte“, erklärt der Gründer. Der Onlineshop bündelt Produkte aus den geläufigen Supermärkten und Discountern wie Aldi, Lidl und Budnikovski, aber bindet auch lokale Einzelhändler mit an. So kann der Kunde sich gegen eine Lieferpauschale Produkte aus verschiedenen Supermärkten zusammensuchen, die dann gebündelt mit Cargofahrrädern direkt aus den Geschäften an den Kunden geliefert werden.

„Die Idee ist in der Coronakrise entstanden“, sagt Bullwinkel. Sie ist als Initiative während des Lockdowns gestartet und hat sich dann zur Geschäftsidee entwickelt, um alle Menschen in Hamburg zu entlasten, die nicht Einkaufen gehen können oder wollen – ganz ohne Mindestbestellwert oder -menge.

Nachhaltigkeit rückt in den Fokus der Unternehmen und Investoren

„Corona hat die richtigen Signale gesendet“, sagt Natalia Tomiyama, Mitgründerin des preisgekrönten Start-ups Nüwiel. Die Viruskrise hat gezeigt, wie solidarisch Menschen  sein können. Zudem hat es laut der Gründerin Thema Nachhaltigkeit noch weiter in das Bewusstsein der Menschen gerückt, indem sie erlebt haben, wie gut sich eine bessere Luftqualität und niedrigere Lärmverschmutzung durch weniger Verkehr anfühlen können.

Das wiederum hat sich positiv auf die Nachfrage nach dem elektrisch betriebene Fahrradanhänger für die Last-Mile-Logistik von Nüwiel ausgewirkt. Dieser kann der Bewegung eines Fahrrads automatisch folgen. Damit will das 2016 gegründete Start-up urbane Räume von Lärm, Staub und Luftverschmutzung befreien. „Wir haben seitdem viele Anfragen von Postunternehmen bekommen“, so Tomiyama. Die patentierte Technik hat bereits viele Preise gewonnen, nicht zuletzt den Gunnar-Uldall-Wirtschaftspreis im Januar sowie den „Fast Mover Support“ für die letzte Meile des Digital Hubs Logistics in Höhe von 3.000 EUR im April. „Das Preisgeld haben wir schnell in eine Lösung für austauschbare Lithium-Akkus für Elektroroller aus Frankreich investiert“, sagt Tomiyama. Die Idee sei momentan im Prototyp und solle Anfang August auch in Deutschland getestet werden.

Das 2019 in Marseille, Frankreich, gegründete Onlineplattform für Schiffsrouten „Searoutes“ konnte trotz der Krise einen neuen Investor für eine Seed-Finanzierung mit seinem nachhaltigen Konzept überzeugen. Eine Seed-Finanzierung ist eine Anschubsfinanzierung für Jungunternehmen anstelle eines Bankkredits, um diesen auf die Beine zu helfen. Searoutes hat die Vision das „Google Maps“ der Schifffahrt zu werden – „zumindest soweit das Internet auf hoher See es zulässt“, scherzt  Gründer Akio Hansen.

Wie auch Tomiyama sieht er das steigende Umweltbewusstsein durch die Coronakrise als ein positives Zeichen für eine neue, nachhaltige Wirtschaftskultur. Searoutes wertet mittels eines Algorithmus historische und reale Daten (Gezeiten, Windstärke, Wellengang und Strömungen) aus, um eine optimierte Schiffsroute und ein genaues CO2-Reporting für die Route zu berechnen.

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