Logistik-Revolution im Robotikmarkt

Mit Transportrobotern beschleunigt BMW intra­logistische Supply Chains in den Konzernwerken. (Foto: BMW)
Mit Transportrobotern beschleunigt BMW intra­logistische Supply Chains in den Konzernwerken. (Foto: BMW)

Der Mitarbeiter denkt, der Roboter lenkt. So stellen sich viele Unternehmen Mensch- Maschine-Interaktionen vor. Für Chuck gilt dies nicht. Der vom amerikanischen Start-up 6 River Systems Inc. entwickelte Kommissionierroboter plant und konzipiert seine Arbeit selbst. Der Mitarbeiter, der mit ihm kooperiert, muss ihn lediglich be- und entladen. Von Warenwirtschaftssystemen und ERP-Softwares ruft Chuck aktuelle Bestellungen ab und legt Abläufe und Inhalte der anschließenden Arbeiten fest. Wenn ein Lagerarbeiter die Ladeflächen des Roboters mit Kartons und Behältern gefüllt hat, fährt dieser selbstständig zum Startpunkt vor und wartet auf einen Picker. Beim anschließenden Rundgang zeigt Chuck alle relevanten Daten fürs Einlagern, Entnehmen und Sortieren auf seinem Display an. Wenn der Picker Fehler macht, schlägt der Roboter sofort Alarm.

300 Prozent mehr Produktivität?

Rund zwei Dutzend amerikanische Unternehmen kommissionieren heute mit Chuck. Jetzt will 6 River Systems auch in Europa Fuß fassen und präsentiert den 1 m hohen Alleskönner auf der Logimat 2019.

Für die 6-River-Systems-Gründer Jerome Dubois und Rylan Hamilton ist Chuck vor allem für E-Commerce- und Ersatzteillager geeignet. „Deren Produktivität kann um 200 bis 300 Prozent gesteigert werden“, versichern die früheren Manager von Kiva Systems (heute Amazon Robotics). Möglich wird dies vor allem durch verkürzte Wege und beschleunigte Arbeitsabläufe. Eine cloudbasierte Software identifiziert in Echtzeit das Konsolidierungspotenzial, der Scanner führt den Mitarbeiter sofort an den richtigen Ort und reduziert die Bearbeitungszeiten deutlich.

Im florierenden Markt der kollaborativen Roboter (Kobots) stellt Chuck bisherige Konzepte auf den Kopf. Die meisten Kobots werden von Mitarbeitern programmiert, ohne dass diese besondere IT-Kenntnisse benötigen. Bei manchen Modellen müssen lediglich die Greifarme eingestellt werden, der Kobot arbeitet dann mit dem Mitarbeiter zusammen und folgt dessen Anweisungen.

Automotive prescht im Robotikmarkt vor

Chuck ist jedoch kein Einzelgänger. So testet die Automotive-Industrie Roboter, welche mehrere 10.000 Komponenten identifizieren, den idealen Greifpunkt ermitteln und die Teile in Kleinladungsträger und Kommissionierwagen einlegen. Mitarbeiter werden allenfalls für Überwachungsarbeiten benötigt.

Chuck & Co. überzeugen noch durch weitere Trümpfe. Die Kommissionierroboter positionieren sich als intelligente und flexible Alternative zu klassischen Lagerautomatisierungen, welche wegen ihrer Komplexität hohe Planungs-, Installations- und Wartungsausgaben verursachen. Marktkenner sind überzeugt, dass Chuck & Co. Benchmarks für die weitere Marktentwicklung setzen werden. „Der Trend in der autonomen Technologie geht zu kleinen und mobilen Robotern und weg von großen physischen Volumina“, sagt Mats Lindell, Director Logistics Solutions bei Toyota Material Handling. Wenn solche Lösungen auch noch durch schnelle Anlernprozesse überzeugen, wird das Interesse der Logistikwirtschaft groß sein.

Eine solche Eigenschaft nimmt Vanderlande Industries für seine Lösung Smart Item Robotic (SIR) in Anspruch. Die neue Robotertechnologie kann Einzelprodukte kommissionieren und in Kleinladungsträger und Kartons größengerecht stapeln. Alternativ sind unter Berücksichtigung der Abmessungen Zuführungen zu Sortier- und Verpackungsmaschinen möglich. Vor allem im E-Commerce-Markt möchte der niederländische Branchenriese Kunden gewinnen. An diese Zielgruppe wendet sich auch die TGW Logistics Group mit Omnipick. Diese Smart-Robotics-Lösung automatisiert das gesamte Order Fulfillment vom Wareneingang bis zum Versand und nutzt hierfür spezielle Taschen, die in einer Hängebahn transportiert werden. Manuelle Tätigkeiten werden dem österreichischen Hersteller zufolge auf ein Minimum reduziert.

Auch aus China kommen aufsehenerregende Robotiklösungen. Beijing Geekplus Technology hat einen Kommissionierroboter entwickelt, der Traglasten bis zu 1.000 kg stemmt und bei minus 22 bis 122 °C arbeiten kann, also in allen Temperaturzonen einsetzbar ist. Vor allem Pharma- und Lebensmittellogistiker werden sich für diese Robotic-Lösung interessieren.

Ansonsten herrscht weiterhin großer Bedarf an Systemen, die schwere körperliche Arbeit überflüssig machen. Mit Spannung wartet die Branche auf den Abschluss eines Forschungsprojekts, welches die Entleerung von Containern beschleunigt. Seit rund einem Jahr arbeitet das Bremer Institut für Produktion und Logistik (Biba) an einer mobilen Robotiklösung, welche vorhandene stationäre und halbautomatische Systeme ersetzen soll. Als Schlüsselkomponente entpuppt sich eine Bildverarbeitungssoftware, welche Containerinhalte mit KI analysiert und entscheidet, ob ein Teu oder Feu vollautomatisch oder mit manueller Unterstützung aus dem Leitstand entladen wird. 2019 wollen das Biba und seine Systempartner erste Ergebnisse vorlegen. (ben)

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