Logistikweise: 5 Thesen für mehr Innovation

Innovation Logistikweise
Foto: IStock

Neue Marktplayer wie IT- und Plattformanbieter, Intermediäre sowie Start-ups setzen mit ihren innovativen Lösungen neue Maßstäbe. Das erhöht den Druck auf die klassischen Marktteilnehmer zur Lieferung neuer Ideen, Lösungen oder Services. Weiter wie bisher reicht nicht mehr aus, um im Wettbewerb um Kunden und Märkte erfolgreich zu sein. Logistikbereiche mit hohem Innovationspotenzial sind: globales Supply Chain Management, urbane Logistik, Intralogistik sowie die Nutzfahrzeugindustrie und der Straßengüterverkehr.

1. Die Unternehmenskultur ist der Nährboden für erfolgreiche Innovationen

Um Innovationen erfolgreich managen zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Eine Führung, die Teamarbeit fördert, Mitarbeiter motiviert, Ideen einzubringen, Fehler erlaubt, Freiräume gibt und Vertrauen schenkt, ermöglicht Innovationen deutlich erfolgreicher als eine Kultur von Misstrauen, Kontrolle, hierarchischem Denken und der starken Vorgabe von Aufgaben durch das Top-Management.

Zudem braucht es die richtigen Methoden. Hierzu zählen zum Beispiel Design Thinking, Innovation-Speed-Boats und die Herangehensweise, Ideen schnell zu erproben und ebenso schnell festzustellen, ob sie Potenzial haben oder nicht. Das Management hat die Aufgabe, Methodenwissen zu vermitteln. Es muss aber auch personelle Engpässe beheben, denn Innovationen lassen sich nicht nebenbei umsetzen.

2. Unternehmen in der Logistik transformieren unterdurchschnittlich

Im Branchenvergleich haben die Unternehmen in der Logistik eine unterdurchschnittliche Innovationskraft. Der Grund hierfür sind hohe Hürden. Eine ist der Personalmangel und die fehlende Mitarbeiterqualifikation (siehe These 3). Eine weitere ist die zunehmende Komplexität des Logistikgeschäfts. Das bindet zum einen Kapazitäten. Zum anderen verhindert damit einhergehende Unsicherheit Investitionen, und zwar auch in Innovationen. Zunehmende Komplexität macht es für Mitarbeiter zudem schwieriger, umfassende Zusammenhänge zu verstehen. Und fehlendes Verständnis führt zu einem Gefühl des Abgehängtseins und dann oft zu einer Blockadehaltung gegenüber Neuem – und damit auch gegenüber Innovationen.

Oft fehlt zudem der Wandel in der Unternehmenskultur, der für ein fruchtbares Umfeld notwendig ist (siehe These 1). Nicht selten ist es die Arroganz des vergangenen Erfolgs, der Unternehmen daran hindert, sich kritisch zu hinterfragen und offen zu sein für Wandel und Veränderung, insbesondere dann, wenn dies radikal notwendig ist.

Häufig ist es auch einfach nur das Festhalten am Bestehenden, die Unsicherheit vor Neuem oder auch schlichtweg fehlende Zeit, um Veränderungen einzuführen und zu managen. Den Unternehmen fehlt die Kreativität, es fällt ihnen noch immer schwer, neue Services oder Ideen auf Basis von Daten oder Digitalisierung zu entwickeln oder in neuen Geschäftsmodellen zu denken. Innovationen brauchen zudem Zeit, um ihre Marktreife zu erlangen und erfolgreich ausgerollt zu werden. Zu ehrgeizige und kurzfristige Businesspläne mit überzogenen Erwartungen an Umsatz und ROI sind das frühzeitige Aus vieler guter Ideen.

Eine weitere Hürde ist die Verfügbarkeit finanzieller Mittel. Innovationen erfordern Investitionen in Know-how und Mitarbeiter, in die Umsetzung neuer Unternehmensstrukturen und -kulturen, in neue Technologien sowie in Marketing und Vertrieb. Auch in der Forschung fehlt es oft an Fördergeldern, um neue Ideen nachhaltig zu entwickeln und auch den Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft erfolgreich zu vollziehen.

3. Innovation und Wachstum benötigen zusätzliche Ressourcen

Personal- und Kompetenzmangel sind zugleich Investitionstreiber und Chancenverhinderer. Die Ambivalenz der These erklärt sich folgendermaßen: Ein wesentliches Hindernis für Innovationen sind aktuell die Personalengpässe. Unternehmen müssen parallel die digitale Transformation vorantreiben, Innovationen produzieren und auch das normale operative Wachstum managen. Diese parallelen Aufgaben und wichtigen Herausforderungen können sie nicht mit gleichbleibenden Ressourcen bewältigen, sie müssen dazu personell wachsen und benötigen gezielt bestimmte Fähigkeiten und Qualifikationen bei den Mitarbeitern (beispielsweise hinsichtlich neuen Technologien, Software, Innovationsmethoden). Insofern verhindert der Personal- und Kompetenzmangel notwendige Aktivitäten, um Innovationen voranzutreiben.

Gleichzeitig zwingt der Personalmangel die Unternehmen aber auch dazu, Alternativen zum Ausgleich dieses Engpasses zu finden. Das können Investitionen sein in:

  • Prozesse oder Produkte, wie Robotik im Lager, um die bestehenden Mitarbeiter produktiver einzusetzen und zu entlasten,
  • künstliche Intelligenz für die Planung und Optimierung von Transportnetzen,
  • durchgängig digitalisierte Transportketten und Avisierung von Sendungen im Wareneingang,
  • autonom fahrende Flurfördergeräte und Digitalisierung in der Kommissionierung.

Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern führt sicherlich auch dazu, dass Innovationsimpulse ausbleiben. Insofern besteht die Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten. Fehlende Ressourcen verhindern Innovationen, die dazu beitragen könnten, die bestehenden, knappen Ressourcen produktiver zu machen. Lösungsansätze könnten darin liegen, sich gegenseitig zu unterstützen, zum Beispiel durch den intensivierten Transfer und die gemeinsame Bearbeitung von innovativen Themen durch Wissenschaft und Hochschulen mit Unternehmen aus der Wirtschaft. Auch die Bildung von Ökosystemen, in denen Ressourcen, Know-how und Lösungen zum Nutzen aller gebündelt und zugänglich gemacht werden, ist eine Möglichkeit.

Weiterhin hilft ein intensiverer Transfer zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen bei der Entwicklung von Innovationen – vorausgesetzt es herrscht eine attraktive Gründungskultur.

4. Politische Rahmenbedingungen müssen Innovationen fördern

Voraussichtlich erschweren Handelskonflikte dieses Jahr das globale Geschäft und hemmen das Wirtschaftswachstum in Europa und Deutschland. Volkswirte, Wirtschaftsinstitute und Sozialpartner erwarten kollektiv eine sich eintrübende Konjunktur.

Da die Folgen des Brexits und weiterer internationaler Handelshemmnisse noch nicht absehbar sind, werden sich die international tätigen Unternehmen mit größeren Investitionen eher zurückhalten. In unsicheren und konjunkturell angespannten Zeiten setzen Unternehmen auf Konsolidierung, Restrukturierung und Kostensenkung. Umso wichtiger und dringender ist es, dass die Politik die Weichen für überfällige Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung stellt, damit Deutschland nicht an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Bildung, Klimaschutz und E-Mobilität sind weitere relevante Politikfelder, die konsequent angeschoben und weiterentwickelt werden müssen.

Die absehbaren Veränderungen in der Mobilität und im Verkehr aufgrund innovativer technischer Netzwerklösungen, autonomen Fahrens und alternativer Antriebe, die tendenziell zu einer höheren Zahl an kleineren Transporteinheiten führen, sollten bei allen Investitionen in die Infrastruktur mitberücksichtigt werden.

Ein Beispiel: Würde im Zuge einer modernen Infrastrukturpolitik die Basis für eine smarte und automatisierte Verkehrssteuerung gelegt, erhielte die Logistik zusätzlichen Freiraum für grundlegende Innovationen und Anlässe für Investitionen. Derzeit kämpft die Branche aufgrund der Infrastrukturproblematik jedoch noch mit Effizienzverlusten, erhöhtem Zeitaufwand und steigenden Kosten.

Nicht nur die teilweise marode Infrastruktur führt zu Engpässen. Aus den knappen Kapazitäten bei Frachtraum und Personal resultiert zwar ein hoher Innovationsdruck auf die Unternehmen, der jedoch nicht kurzfristig zu nachhaltigen Lösungen führt. Während sich bei der Frachtraumproblematik vor allem die Logistik selbst in die Pflicht nehmen muss, um mit engeren Abstimmungen und Kooperationen Peaks zu reduzieren, sind beim Personal gemeinsame Anstrengungen von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft notwendig.

Quantitativ besteht der größte Mangel an Mitarbeitern im Regional- und Nahverkehr bei Stückgut und Paketen. Höhere Mindestqualifikationen in Sprache, Umgang mit Kunden und der Nutzung von mobilen Devices zur Datenerfassung stellen viele Bewerber vor zu große Hürden. Hier wären zusätzliche Anstrengungen der Politik in der Arbeitsmarktintegration, der beruflichen Bildung sowie in der betrieblichen Weiterbildung hilfreich. Vorschläge und Ideen reichen von einer anerkannten Ausbildung zum Innovationsmanager über den verstärkten Einsatz von digitalen Trainingslösungen für niedrig qualifizierte Arbeitskräfte bis hin zu einer Lehrplankoordination für Logistik, Digitalisierung und Supply Chain Management.

5. Impulse aus der Wissenschaft sind aufgrund geringer Mittel begrenzt

Die Wissenschaft spielt zunächst in Form der Hochschulinstitute fraglos eine wesentliche Rolle bei der Ausbildung des geeigneten fachlichen Nachwuchses, um Innovationen in der Logistik voranzutreiben. An vielen technischen Fakultäten wird derzeit ein Rückgang der Studienanfängerzahlen beobachtet. Um hier mehr junge Hochschulabsolventen an die Logistik heranzuführen, bedarf es unter anderem massiver Marketinginitiativen, die die Attraktivität einer logistikorientierten Studiumswahl signifikant erhöhen.

Wenn es aber um die Gestaltung von Logistikinnovationen in Unternehmen geht, nimmt die Wissenschaft zweifelsohne eine aktive Rolle ein. Viele der derzeitigen Innovationen stammen aus forschungsaktiven Lehrstühlen und Instituten sowie von deren Spin-offs. Beispielhaft genannt seien hier autonome Fahrzeuge und Steuerungen, mobile Robotik, drohnenbasierte Inventur, sensorbasierte Kommissionierunterstützung.

Ermöglicht wird dies durch die anwendungsorientierte Ausrichtung vieler Logistik-Lehrstühle. Allein im Ingenieurwesen liegen die durchschnittlichen Drittmitteleinnahmen bei jährlich 560.000 EUR und nehmen damit die Spitzenposition in der Forschungslandschaft ein. Auch liegen die Förderausgaben des Bundes nach ununterbrochenem Wachstum sowohl anteilig als auch absolut auf einem Allzeithoch. Allerdings ist auch hier bei detaillierter Betrachtung die Entwicklung beispielsweise im Bereich der Produktionstechnologien gering im Vergleich zur Klima- oder Energieforschung.

Entscheidendes Manko an dieser Stelle: Diese Forschungslandschaft stagniert bestenfalls. Die technischen Fachinstitute wurden in den vergangenen Jahren eher ab- als ausgebaut. Zugleich ist die drittmittel- und vor allem wettbewerbsorientierte Förderlandschaft hoffnungslos überzeichnet, das heißt, eine Vielzahl von Forschungsanträgen wird im Wettbewerb aussortiert. (cs/rok)

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