Zu festen Terminen werden Start-ups mit Unternehmensvertretern auf der Internetseite Innopitch.io zusammengeführt. (Screenshot: Schmitt GmbH)

Rhenus-Chef: Kein Geldtopf für Start-ups

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Seit Ausbruch der Coronakrise sind die Herausforderungen bei der Digitalisierung nicht gerade das Thema Nummer eins bei Unternehmen. Jetzt gehe es zunächst vor allem darum, dass die Mitarbeiter gesund bleiben „und für den Fall, dass welche krank werden, dafür zu sorgen, dass man als Unternehmen weiter leistungsfähig bleibt“, sagte Klemens Rethmann kürzlich bei einem Start-up-Pitch-Event der neu gegründeten Online-Plattform Innopitch. Dort nahm der Vorstandsvorsitzende des Logistikdienstleisters Rhenus an einer Diskussionsrunde teil. Mit dabei waren Ex-Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, Daniel Keiper-Knorr, Mitgründer des Wiener Wagniskapitalgebers Speedinvest, sowie Marc Schmitt, der CEO des Software-Start-ups Evertracker, der Innopitch während der Coronakrise mit ins Leben gerufen hat.

Rethmann sprach aktuell von einer „herausfordernden Situation“ in bestimmten Geschäftsfeldern, wobei er vor allem die Automobillogistik sowie den Landverkehr Richtung Italien und Spanien nannte. Gegen das Wort „Digitalisierung“ sträubt sich der Rhenus-CEO. Denn die Digitalisierung sei erst das Ende eines „sehr langen, mühseligen Prozesses“, der „viel Blut, Schweiß und Tränen“ bedeute. „Vier Fünftel dieses Prozesses, der die Digitalisierung zum Ziel hat, ist sehr harte, altmodische Arbeit“, unterstrich er. Am Anfang dabei stehe die Standardisierung. Danach gelte es, die Prozesse zu analysieren, bevor es in die Automatisierung gehe. Sein Unternehmen sei derzeit noch bei der Standardisierung und der Ist-Aufnahme der Prozesse – „und da ist die Coronakrise eine gute Möglichkeit, dies zu beschleunigen“, sagte er weiter. Speziell in der Phase des Wiederhochfahrens sieht er eine „wunderbare Gelegenheit, sich über die Prozesse im Klaren zu werden, in denen man arbeitet“. Diese Analyse sei die Grundlage für jede sogenannte Digitalisierung.

Rhenus setzt auf Mitarbeiterideen

Ex-Bundeswirtschaftsministerin Zypries betonte, wie wichtig es für die etablierten Unternehmen sei, sich auch in anderen Branchen umzuschauen und mit Start-ups zusammenzuarbeiten. In Start-ups investiert Rhenus bisher nicht. Es gebe keinen strategischen Geldtopf für die Beteiligung an externen, jungen Unternehmen, sagte Rethmann. Der Dienstleister verfolge aber einen internen Ansatz. So seien Mitarbeiter eingeladen, neue Geschäftsideen einzubringen. Dafür gebe es eine Plattform. Und wenn sich daraus etwas Vielversprechendes ergebe, „dann gründen wir eine Firma, die sich dann tatsächlich wie ein Start-up positioniert“. Als Beispiele nannte Rethmann den Service Rhegreen, bei dem es um die CO2-Reduktion in der Luftfracht gehe. Die Rhenus-Mitarbeiter in Russland hätten zudem ein Unternehmen gegründet, das das Ziel verfolge, digitale Luftfrachtspedition speziell für die Anforderungen des russischen Marktes zu sein.

Bizarre Situation

„Start-ups haben das Privileg auf einem weißen Blatt Papier anzufangen“, sagte Investor Keiper-Knorr. Etablierte Unternehmen mit funktionierenden Prozessen und Strukturen hätten dagegen eine Verantwortung gegenüber ihrer Geschichte. Immerhin hätten viele Unternehmen einen Status quo erreicht, „der ja kein schlechter ist“. Auch dann gelte es zwar, sich ständig zu hinterfragen, aber man müsse deshalb nicht gleich für alles eine neue Antwort finden, sagt er zur Innovationsträgheit, die vielen traditionellen Unternehmen oft unterstellt wird.

Über die Bedeutung der Logistik für Investoren sagte Keiper-Knorr: „Logistik war für uns schon immer ein Thema und ist nicht erst seit dem Lockdown wichtig geworden“. Investiert wurde zum Beispiel in das österreichische Start-up Prewave, ein Spezialist für die Analyse von Lieferkettenrisiken. An diesem Unternehmen zeige sich, „dass jetzt Dinge wichtig werden, die immer hätten wichtig sein sollen“. Das sei überhaupt das Bizarre an der aktuellen Situation, fügte er hinzu: „Erst unter Schmerzen kommt man jetzt darauf, was wirklich wichtig ist“.

Hindernis Homeoffice

Dieser positive Effekt stimmt auch Evertracker-CEO Marc Schmitt zuversichtlich. Denn sein Geschäftsmodell, eine auf künstlicher Intelligenz basierende neutrale Plattform, mit der Prozesse automatisiert und Schwachstellen in der Supply Chain erkannt werden können, sei für genau solche Fälle wie die Coronakrise gemacht. Digitalisierungsthemen im Supply Chain Management werden ihm zufolge für Unternehmen nun interessanter. Aktuell sei die Chance auf Neuprojekte zwar gering, aber mit Blick auf die laufenden Projekte ist er optimistisch.

Die Kunden von Evertracker kommen zum Beispiel auch aus der Automobilindustrie. Dort würde derzeit vieles hinten angestellt. „Neue Projekte finden nicht mehr statt, bis das normale Geschäft wieder ans Laufen gebracht wird“, berichtete Schmitt. Auch die Implementierung einer Lösung, wie sie Evertracker den Unternehmen bietet, „ist mit den Leuten im Homeoffice derzeit unmöglich“.

Das Start-up hatte Anfang März mit dem Risikokapitalgeber Genius Venture Capital und vier Angel-Investoren neue Kapitalgeber gefunden. Für das Überleben der Start-ups werde nach Schmitts Ansicht in der Krise viel getan. So hätten die jungen Unternehmen auch die Möglichkeit, Kurzarbeit anzumelden und Fördermittel zu erhalten. Grundsätzlich müssten sich Unternehmen auch auf Krisen oder Betriebsunterbrechungen vorbereiten, meint er. Den Staat jetzt um noch mehr Geld zu bitten, ist für Schmitt nicht der richtige Weg. Die Regierung müsste eher Investmentvehikel aufsetzen, die Unternehmen zum Investieren ermutigen. Wichtig wären zudem Steuerentlastungen für Investoren, sagte Schmitt, der wie Rethmann Mitglied im Gremium der Logistikweisen ist.

„Im Mittelstand ist das Thema nicht so sehr das Geld, sondern das Interesse“, hat Zypries festgestellt. „Vor Corona waren die Auftragsbücher gut gefüllt.“ In solchen Zeiten sei kaum noch Zeit, sich um die Zukunft zu kümmern. Hier gelte es anzusetzen und attraktive Angebote zu schaffen, um die Unternehmen zu motivieren.

Coronakrise als Beschleuniger?

Für Keiper-Knorr ist es wichtig, dass die Start-ups in der Coronakrise nicht vergessen werden, „sondern wie alle anderen Wirtschaftszweige behandelt werden“, ergänzte er. „Das heißt aber auch, dass sie nicht notwendigerweise eine Vorzugsbehandlung brauchen.“ Für die nachhaltige Förderung für die Zeit nach Corona bräuchte es aber eine Kapitalfreisetzung. Nur dies könnte für einen kurzfristigen Schub sorgen. „Es gibt viel zu wenig Eigenkapital im Markt, das wirklich produktiv arbeitet“, betonte er. Alle anderen Maßnahmen würden lange dauern, bis sie ihre Wirkung entfalten. Sie seien aber dennoch wichtig. „Die Bildung zum Beispiel ist der Schlüssel zu allem“, fügte er hinzu.

Seit Ausbruch der Coronakrise sind die Herausforderungen bei der Digitalisierung nicht gerade das Thema Nummer eins bei Unternehmen. Jetzt gehe es zunächst vor allem darum, dass die Mitarbeiter gesund bleiben „und für den Fall, dass welche krank werden, dafür zu sorgen, dass man als Unternehmen weiter leistungsfähig bleibt“, sagte Klemens Rethmann kürzlich bei einem Start-up-Pitch-Event der neu gegründeten Online-Plattform Innopitch. Dort nahm der Vorstandsvorsitzende des Logistikdienstleisters Rhenus an einer Diskussionsrunde teil. Mit dabei waren Ex-Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, Daniel Keiper-Knorr, Mitgründer des Wiener Wagniskapitalgebers Speedinvest, sowie Marc Schmitt, der CEO des Software-Start-ups Evertracker, der Innopitch während der Coronakrise mit ins Leben gerufen hat.

Rethmann sprach aktuell von einer „herausfordernden Situation“ in bestimmten Geschäftsfeldern, wobei er vor allem die Automobillogistik sowie den Landverkehr Richtung Italien und Spanien nannte. Gegen das Wort „Digitalisierung“ sträubt sich der Rhenus-CEO. Denn die Digitalisierung sei erst das Ende eines „sehr langen, mühseligen Prozesses“, der „viel Blut, Schweiß und Tränen“ bedeute. „Vier Fünftel dieses Prozesses, der die Digitalisierung zum Ziel hat, ist sehr harte, altmodische Arbeit“, unterstrich er. Am Anfang dabei stehe die Standardisierung. Danach gelte es, die Prozesse zu analysieren, bevor es in die Automatisierung gehe. Sein Unternehmen sei derzeit noch bei der Standardisierung und der Ist-Aufnahme der Prozesse – „und da ist die Coronakrise eine gute Möglichkeit, dies zu beschleunigen“, sagte er weiter. Speziell in der Phase des Wiederhochfahrens sieht er eine „wunderbare Gelegenheit, sich über die Prozesse im Klaren zu werden, in denen man arbeitet“. Diese Analyse sei die Grundlage für jede sogenannte Digitalisierung.

Rhenus setzt auf Mitarbeiterideen

Ex-Bundeswirtschaftsministerin Zypries betonte, wie wichtig es für die etablierten Unternehmen sei, sich auch in anderen Branchen umzuschauen und mit Start-ups zusammenzuarbeiten. In Start-ups investiert Rhenus bisher nicht. Es gebe keinen strategischen Geldtopf für die Beteiligung an externen, jungen Unternehmen, sagte Rethmann. Der Dienstleister verfolge aber einen internen Ansatz. So seien Mitarbeiter eingeladen, neue Geschäftsideen einzubringen. Dafür gebe es eine Plattform. Und wenn sich daraus etwas Vielversprechendes ergebe, „dann gründen wir eine Firma, die sich dann tatsächlich wie ein Start-up positioniert“. Als Beispiele nannte Rethmann den Service Rhegreen, bei dem es um die CO2-Reduktion in der Luftfracht gehe. Die Rhenus-Mitarbeiter in Russland hätten zudem ein Unternehmen gegründet, das das Ziel verfolge, digitale Luftfrachtspedition speziell für die Anforderungen des russischen Marktes zu sein.

Bizarre Situation

„Start-ups haben das Privileg auf einem weißen Blatt Papier anzufangen“, sagte Investor Keiper-Knorr. Etablierte Unternehmen mit funktionierenden Prozessen und Strukturen hätten dagegen eine Verantwortung gegenüber ihrer Geschichte. Immerhin hätten viele Unternehmen einen Status quo erreicht, „der ja kein schlechter ist“. Auch dann gelte es zwar, sich ständig zu hinterfragen, aber man müsse deshalb nicht gleich für alles eine neue Antwort finden, sagt er zur Innovationsträgheit, die vielen traditionellen Unternehmen oft unterstellt wird.

Über die Bedeutung der Logistik für Investoren sagte Keiper-Knorr: „Logistik war für uns schon immer ein Thema und ist nicht erst seit dem Lockdown wichtig geworden“. Investiert wurde zum Beispiel in das österreichische Start-up Prewave, ein Spezialist für die Analyse von Lieferkettenrisiken. An diesem Unternehmen zeige sich, „dass jetzt Dinge wichtig werden, die immer hätten wichtig sein sollen“. Das sei überhaupt das Bizarre an der aktuellen Situation, fügte er hinzu: „Erst unter Schmerzen kommt man jetzt darauf, was wirklich wichtig ist“.

Hindernis Homeoffice

Dieser positive Effekt stimmt auch Evertracker-CEO Marc Schmitt zuversichtlich. Denn sein Geschäftsmodell, eine auf künstlicher Intelligenz basierende neutrale Plattform, mit der Prozesse automatisiert und Schwachstellen in der Supply Chain erkannt werden können, sei für genau solche Fälle wie die Coronakrise gemacht. Digitalisierungsthemen im Supply Chain Management werden ihm zufolge für Unternehmen nun interessanter. Aktuell sei die Chance auf Neuprojekte zwar gering, aber mit Blick auf die laufenden Projekte ist er optimistisch.

Die Kunden von Evertracker kommen zum Beispiel auch aus der Automobilindustrie. Dort würde derzeit vieles hinten angestellt. „Neue Projekte finden nicht mehr statt, bis das normale Geschäft wieder ans Laufen gebracht wird“, berichtete Schmitt. Auch die Implementierung einer Lösung, wie sie Evertracker den Unternehmen bietet, „ist mit den Leuten im Homeoffice derzeit unmöglich“.

Das Start-up hatte Anfang März mit dem Risikokapitalgeber Genius Venture Capital und vier Angel-Investoren neue Kapitalgeber gefunden. Für das Überleben der Start-ups werde nach Schmitts Ansicht in der Krise viel getan. So hätten die jungen Unternehmen auch die Möglichkeit, Kurzarbeit anzumelden und Fördermittel zu erhalten. Grundsätzlich müssten sich Unternehmen auch auf Krisen oder Betriebsunterbrechungen vorbereiten, meint er. Den Staat jetzt um noch mehr Geld zu bitten, ist für Schmitt nicht der richtige Weg. Die Regierung müsste eher Investmentvehikel aufsetzen, die Unternehmen zum Investieren ermutigen. Wichtig wären zudem Steuerentlastungen für Investoren, sagte Schmitt, der wie Rethmann Mitglied im Gremium der Logistikweisen ist.

„Im Mittelstand ist das Thema nicht so sehr das Geld, sondern das Interesse“, hat Zypries festgestellt. „Vor Corona waren die Auftragsbücher gut gefüllt.“ In solchen Zeiten sei kaum noch Zeit, sich um die Zukunft zu kümmern. Hier gelte es anzusetzen und attraktive Angebote zu schaffen, um die Unternehmen zu motivieren.

Coronakrise als Beschleuniger?

Für Keiper-Knorr ist es wichtig, dass die Start-ups in der Coronakrise nicht vergessen werden, „sondern wie alle anderen Wirtschaftszweige behandelt werden“, ergänzte er. „Das heißt aber auch, dass sie nicht notwendigerweise eine Vorzugsbehandlung brauchen.“ Für die nachhaltige Förderung für die Zeit nach Corona bräuchte es aber eine Kapitalfreisetzung. Nur dies könnte für einen kurzfristigen Schub sorgen. „Es gibt viel zu wenig Eigenkapital im Markt, das wirklich produktiv arbeitet“, betonte er. Alle anderen Maßnahmen würden lange dauern, bis sie ihre Wirkung entfalten. Sie seien aber dennoch wichtig. „Die Bildung zum Beispiel ist der Schlüssel zu allem“, fügte er hinzu.

Hier sieht Rhenus-Chef Rethmann jetzt auch eine Chance. „Denn wir brauchen digitale Grundkenntnisse“, ist auch er überzeugt. „Und ich glaube, dass diese Krise dabei ein unheimlicher Beschleuniger sein kann.“ Keiper-Knorr schließt sich an: Die Coronakrise sei definitiv ein Beschleuniger von vielen in Gang gesetzten Prozessen rund um die Digitalisierung. „Alles geht jetzt schneller. Es wird gerade bewiesen, dass bestimmte Dinge funktionieren.“ Zypries zeigt sich schon etwas skeptischer. Bei der Digitalisierung in der Gesellschaft sei die Krise definitiv ein Beschleuniger. Dass sie aber auch in Richtung Industrie 4.0 ein Beschleuniger ist, „kann ich nur hoffen“, sagte die Politikerin (SPD), die von 2017 bis 2018 Bundeswirtschaftsministerin war. (cs)

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