Trotz Automatisierung: Logistik braucht Menschen

Die Automatisierung werde nicht alle demografischen Probleme lösen können, wie zum Beispiel den Fachkräftemangel. Davon ist Christoph Kösters vom Kompetenznetzwerk Logistik NRW und Hauptgeschäftsführer des Logistikverbands VVWL NRW überzeugt. „Die Unternehmen werden trotzdem verstärkt in die Personalentwicklung investieren müssen“, sagt er. Kösters sprach kürzlich beim Netzwerkforum Handelslogistik in Hamm.

„Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem, was auch sinnvoll ist“, sagt Thomas Ruthekolck, der beim Online-Elektrogerätehändler AO Deutschland für Logistik und Transport verantwortlich ist. Die Lagerlogistik lasse sich beispielsweise deutlich umfassender automatisieren als die Transportlogistik. Entscheidend sei zudem, die Mitarbeiter mitzunehmen und zu überzeugen.

„Auf der letzten Meile wird es auch in Zukunft immer eine manuelle Zustellung geben“, sagt er weiter. Drohnen oder Roboter seien etwas für Hochglanzbroschüren und maximal für spezielle Anwendungen geeignet. Auch in der Lagerlogistik sieht er Grenzen für die Automatisierung. „Unser Hilfsmittel der Wahl ist die Sackkarre oder der Gabelstapler“, sagt er mit Blick auf die Anforderungen von AO in der Lagerlogistik bei Großgeräten. Denn gleich mehrere Waschmaschinen oder Kühlschränke werden mit System auf Paletten gestapelt. Ruthekolck: „Das ist nichts für Aushilfen, sondern erfordert erfahrene Staplerfahrer.“

Automatisierung soll Mitarbeiter unterstützen

Chancen für eine Automatisierung sieht er aber in der Tourenplanung und der Steuerung der Lieferverkehre. Auch in der Vernetzung mit Serviceleistungen, wie der Montage von Geräten beim Zwei-Mann-Handling, bis hin zum Verkauf von freiem Frachtraum sieht der Manager noch Potenzial. „Wir müssen unsere Disponenten mit Intelligenz unterstützen“, fügt er hinzu.

Bei der Auslieferung setzt der Onlinehändler vor allem auf die eigene Flotte mit etwa 150 LKW, darunter zweistöckige Spezial-LKW. Das Sendungsvolumen beziffert Ruthekolck auf 500.000 Lieferungen im Jahr. Aus einem Zentrallager am Sitz in Bergheim bei Köln werden bundesweit 15 Depots bedient. Seit 2016 werden auch die Niederlande aus Bergheim versorgt. „Im Raum Oldenburg werden wir in Kürze ein weiteres Depot einrichten“, kündigt Ruthekolck an.

Fachkräfte frühzeitig binden

In Deutschland beschäftigt der britische Onlinehändler rund 700 Mitarbeiter, vor allem in der Zustellung. „Wir sind ein junges Unternehmen mit alten Problemen“, sagt Ruthekolck auf die Personalarbeit angesprochen. AO sucht händeringend Fachkräfte, vor allem für den gewerblichen Bereich. Neue Mitarbeiter will das Unternehmen frühzeitig binden, gerade wenn es sich um Fachkräfte handelt. Ruthekolck: „Wir wollen das Stammpersonal aus der eigenen Mannschaft gewinnen. Dafür braucht es aber einen langen Atem.“

Bei den Ausbildungsangeboten wird auf Kooperationen unter anderem mit Hochschulen gesetzt. Im Unternehmen werden Inhouse-Trainings angeboten – auch für externe Mitarbeiter. Denn AO setzt auch Dienstleister als Partner in der Auslieferung und den Depots ein. „Entscheidend dabei ist, dass man die Partner entsprechend managt und deren Leistung auch misst, um einen einheitlichen Auftritt und die Qualität der Leistung sicherzustellen“, sagt Ruthekolck. Gerade im Zwei-Mann-Handling, also dem Transport plus Aufstellservice, sei hohe Qualität gefragt. „Fahrer und Monteure sind unser Gesicht nach außen“, betont er.

Hundewiese und Heimarbeit

Bei der Mitarbeiterbindung geht der Tierbedarfshändler Fressnapf aus Krefeld besondere Wege. „Wir haben eine Hundewiese vor der Tür. Dort können unsere Mitarbeiter mit ihren Tieren Gassi gehen“, sagt Gerhard Kunkel, Leiter Outbound-Logistik. Termine könnten auch schon einmal bei einem Spaziergang im nahegelegenen Schönwasserpark erledigt werden. Heimarbeit für Disponenten oder die Möglichkeit, Arbeitszeiten nach privaten Bedürfnissen auswählen zu können, sind weitere Beispiele, die sich auch in anderen Logistikunternehmen immer häufiger finden. Der dänische Logistikkonzern DSV beispielsweise setzt auf Sportangebote bis hin zum eigenen Fitnesscenter.

„Mit solchen Kleinigkeiten punkten wir am Ende im Wettbewerb um Mitarbeiter“, fügt Fressnapf-Logistikmanager Kunkel hinzu. Die Generation zu gewinnen, die in einer bereits stark digitalisierten Welt aufgewachsen ist, sieht er als Herausforderung. „Hier ist in der Personalarbeit ein Umdenken erforderlich“, meint Kunkel. Das beginne bei Stellenanzeigen im Internet und in den sozialen Medien und gehe bis hin zum Kulturwandel im Unternehmen.

Die Schwellenangst nehmen

Fressnapf beschäftigt 665 Mitarbeiter an Lagerstandorten in Krefeld, im Duisburger Hafen sowie im mittelfränkischen Feuchtwangen. Der Händler habe vor der Frage gestanden, wie sich die Produktivität steigern lässt, ohne die Mitarbeiter zusätzlich zu belasten. Gelungen sei dies mit einer Pick-by-Voice-Lösung. Deren Einführung Ende 2018 brachte laut Kunkel eine Produktivitätssteigerung um 10 Prozent und reduzierte die Fehlerquote signifikant. Trotz einfachster deutscher Sprachbefehle sei die Technik zunächst aber bei einigen ausländischen Mitarbeitern auf Zurückhaltung gestoßen. Kunkel: „Wir mussten ihnen erst einmal die Schwellenangst nehmen.“

Zuvor wurde manuell mittels digitaler Picklisten kommissioniert. Die Methode war in Sachen Produktivität an Grenzen gestoßen. Getestet wurden auch Datenbrillen. Doch seien diese von den Mitarbeitern mehr oder weniger abgelehnt worden. Manche hätten über Kopfschmerzen geklagt. Zudem hätte die Kommissionierung länger gedauert. „Was beispielsweise bei hochwertigen Kosmetika geeignet scheint, ist für unsere Produkte weniger sinnvoll“, sagt Kunkel. (Axel Granzow)

Über Tim Meinken 337 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie mir folgen:

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