Wie künstliche Intelligenz die Logistik verändert

KI künstliche Intelligenz
Illustration: Carsten Luedemann

In der nahen Zukunft: Deutschland wird nicht mehr von Politikern regiert, sondern von einer künstlichen Intelligenz (KI) gesteuert. Was für viele wie ein Horrorszenario klingt, entwickelt sich im Roman „Der Würfel“, der Ende des Monats erscheint, zu einer idealen Welt. Der perfekte Algorithmus ermöglicht den Menschen ein sorgenfreies Leben, zahlt allen ein Grundeinkommen, erstickt Kriminalität im Keim. Dafür müssen die Menschen allerdings einen Teil ihrer Freiheit aufgeben. Denn der „Würfel“ benötigt selbst intimste Daten der Bevölkerung. Bijan Moini, ein Jurist, Politologe und Bürgerrechtler mit deutsch-iranischen Wurzeln, wird seinen mit Spannung erwarteten Debütroman auch beim KI-Day der DVZ am 9. April in Berlin vorstellen.

Der KI-Day, den die DVZ in Kooperation mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) veranstaltet, beleuchtet im Schwerpunkt die Einsatzgebiete und Anwendungsmöglichkeiten für intelligente Systeme, die es schon heute in der Logistik gibt, und zeigt, wo sich neue Potenziale ergeben. Praktiker berichten über ihre Erfahrung mit softwarebasierten Entscheidungssystemen und erläutern konkrete Beispiele.

So wird vonseiten des BGL Hubertus Kobernuß dabei sein. Der Lebensmittelspediteur arbeitet derzeit selbst an einem Projekt. Dabei geht es um den Einsatz von KI für die Steuerung der Fahrzeuge, um die Toureneinteilung, Laufzeitüberwachung und Problemlösung für den Verlader und Logistiker zu vereinfachen. Das System lernt aus allen vorhandenen Daten und ermittelt dann automatisch, welches Fahrzeug für welchen Auftrag am besten geeignet ist. „In wenigen Jahren steuern KI-Algorithmen die Logistik“, betonte Kobernuß vor kurzem erst im Interview mit der DVZ.

Partner von Kobernuß in dem Projekt ist das Hamburger Software-Start-up Evertracker. CEO und Mitgründer Marc Schmitt wird an der Seite von Kobernuß auftreten. Das Unternehmen hat es mit seinem Control Tower für globale Supply Chains gerade in den Kreis der 20 nominierten Top-Innovatoren beim Volkswagen-Konzern geschafft. Die KI-basierte Lösung wurde aus etwa 430 eingereichten Logistikinnovationen aus 33 Ländern ausgewählt.

Künstliche Intelligenz in der Disposition

Stirbt der Disponent mit dem zunehmenden Einsatz von KI im Landverkehr mittelfristig aus? Diese Frage stellt sich, wenn man Rolf-Dieter Lafrenz folgt. Der Gründer und CEO von Cargonexx ist ebenfalls in Berlin dabei. Er sagt, dass die heutige Disposition, bei der jeder Disponent über den Tag 15 bis 20 LKW plant, schlussendlich nicht in der Lage ist, die Effektivität des Landtransports zu erhöhen. Algorithmen könnten hingegen größere Netze aus Aufträgen und Kapazitäten automatisiert planen und disponieren. Die Folge wird ihm zufolge sein, dass autonome Dispositionsplattformen stark wachsen werden. N och weitergehende Möglichkeiten würden sich dabei durch den Einsatz autonomer LKW und die Verbindung der Plattformen mit Verlader- und Rampenmanagementsystemen ergeben.

Ein heißes Thema – unabhängig vom Einsatz smarter Algorithmen – sind aktuell die zunehmenden Anforderungen an und der Trend hin zu einheitlichen Transport-Management-Systemen (TMS). Diese leisten schon viel, Lücken gibt es allerdings noch beim Störfallmanagement in der Lieferkette, betont Joachim Getto, Referent beim KI-Day und Direktor für Transportmanagement und digitale Logistiklösungen bei der Beratung Bearing Point. Dort kommen auf KI basierende Microservices ins Spiel, die Teil des TMS werden. „Diese intelligenten Agenten übernehmen im Idealfall vollständig die Steuerung und Kommunikation zwischen Produktion, Beschaffung, Vertrieb, Lagerabwicklung und Transportmanagement“, sagt er. Und was bedeutet das in der Praxis? „Beispielsweise, dass Lademeterinformationen zwischen dem Zeitpunkt der Frachtraumbuchung und der tatsächlichen Verladung an der Rampe vorausschauend berechnet werden“, sagt er.

Viele Unternehmen erfassen Daten, ohne sie zu nutzen. Damit vergeben sie die Chance, mehr über ihre Kunden zu erfahren, Prozesse zu verbessern oder sogar neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der Logistikdienstleister Fiege hat daher mit Wissenschaftlern der Fachhochschule Münster das Westphalia Datalab gegründet. Darüber können Unternehmen eine automatisierte Datenanalyse abrufen. „Die Themen Big Data und Datenanalyse sind inhaltlich sehr komplex“, weiß Prof. Reiner Kurzhals, Datenwissenschaftler und Leiter des Datalabs. „Wir wollen es gerade mittelständischen Unternehmen möglichst einfach machen, Erkenntnisse aus ihren Daten zu gewinnen, ohne dass diese selbst Programmierer, Statistiker oder anderes Fachpersonal einstellen müssen.“ Beim KI-Day wird Kurzhals zeigen, dass es weder teuer noch kompliziert sein muss, ein Unternehmen datengetrieben aufzustellen.

Logistikprofessor Frank Straube von der TU Berlin wird Ergebnisse einer Studie zur digitalen Transformation beim KI-Day präsentieren. Stichwörter dabei sind „Technologien und Plattformen“, „datengetriebene Services“, „Führung, Organisationsstrukturen und soziale Verantwortung“ sowie „Open Innovation“. Ziel ist es, herauszufinden, ob und wie der Einsatz von Methoden und Technologien in diesen Themenclustern dazu beitragen kann, einen Kundenmehrwert zu schaffen. Die zunehmende Datenverfügbarkeit lässt sich beispielsweise für Lieferkettenanalysen (Supply Chain Analytics, SCA) und zur Prozessoptimierung nutzen. Außer der Möglichkeit, Warenströme übergreifend zu steuern, können Daten unter Zuhilfenahme von SCA unter anderem zur Routenoptimierung, vorausschauenden Identifikation von Störungen, Optimierung von Betriebsparametern oder auch zur Nachfrageprognose verwendet werden.

KI als wichtiges Produktionsmittel

Gut drei Viertel der Unternehmen in Deutschland bewerten KI als wichtiges Zukunftsthema. Etwa jede zweite Firma verfügt sogar über erste praktische Erfahrungen und setzt KI-basierte Technik in Teilbereichen ein. Das IT-Service-Unternehmen DXC Technology hat 300 Manager befragt, in welche Einsatzfelder sie in den kommenden zwei Jahren investieren wollen. Die Ergebnisse der Studie präsentiert DXC-Experte Bruno Messmer beim KI-Day.

Ein wichtiges Ziel von Investitionen in KI ist, Menschen bei der Arbeit besser zu unterstützen. Zudem wollen Firmen vorrangig in smarte Algorithmen investieren, mit denen sich Prozesse automatisieren und neue Angebote entwickeln lassen. Die große Mehrheit nimmt zudem Geld in die Hand, um den Kundenservice proaktiv möglich zu machen. „KI wird in vielen Business-Bereichen zu einem immer wichtigeren Produktionsmittel“, sagt Messmer. KI-Systeme überträfen in manchen Bereichen die Fähigkeiten von Menschen, so dass Mitarbeiter von Routinearbeiten entlastet und ihre Zeit, Energie und Talente für sinnvollere Aufgaben genutzt werden könnten.

Start-ups können sich bewerben

Darüber hinaus präsentieren sich in Berlin ausgewählte Start-ups. Junge Unternehmen, die sich auf den Einsatz von KI in logistischen Prozessen fokussieren, können ihre Ideen in einem kurzen Vortrag beim KI-Day präsentieren. Einsendeschluss für eine kurze Bewerbung ist der 26. Februar 2019.

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