Zwei Start-ups trotzen der Coronakrise

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Wenn man nach dem Positiven suchen will findet man es auch, sogar in der Coronakrise: Diese zwei Lebensmittellogistik-Start-ups haben indirekt von der Krise profitiert. So ist Pickery erst in der Krise entstanden. Der Online Lebensmittellieferdienst wurde von Nikolas Bullwinkel und Saad Saeed im April diesen Jahres gegründet. Beiden fiel auf, dass die meisten Lebensmittellieferdienste mit Engpässen zu kämpfen hatten. Diese entstanden, da die Nachfrage die Lebensmittelnachfrage durch den Lockdown so schnell stieg, dass die vorhanden Lager- und Lieferstrukturen nicht mehr ausreichten. Um solche Engpässe zu vermeiden, setzt Pickery auf die vorhanden Strukturen von lokalen Märkten und  skalierbaren Lösungen für Lieferanten und Einkäufer. Im Interview mit BlueRocket beschreibt Bullwinkel das Start-up als „Lieferando für Lebensmittel“.

Wocheneinkauf auf einer Homepage

Auf der Webseite des Start-ups können Kunden aus dem Angebot aus fünf Läden auswählen. Darunter finden sich zurzeit Rewe, Aldi, Budnikowsky, Junge Bäckerei und Tchibo Kaffee. „In unserem Angebot findet man alles, was zu einem Wocheneinkauf dazu gehört“, berichtet Bullwinkel. Für den Kunden liegen die Lieferkosten unabhängig von Lieferzeit und Größe des Warenkorbes bei 3,90 EUR. Die Bestellungen werden dann über ein automatisiertes System, dass das junge Unternehmen entwickelt hat, gebündelt und an sogenannte „Picker“ weitergeleitet. Picker sind jene Mitarbeiter, die in die Läden gehen und einkaufen. Jeder ist dabei für die Produkte von mehreren Bestellungen in einem Laden zuständig. Um die Kühlkette nicht zu unterbrechen, ist jeder der Picker mit einer Kühlbox ausgestattet, in die die Produkte während des Einkaufs gelegt werden.

Die gesammelten Produkte werden vom Picker in den Kühlboxen, die mit dem Namen des Kunden versehen sind, an den Lieferdienst übergeben, sodass der Fahrer die Bestellungen nicht sortieren muss. Für den Fahrer wurde von demselben System eine optimierte Route erstellt, auf der möglichst viele Bestellungen auf einmal ausgeliefert werden. „Eingekauft wird zwischen 8 und 12 Uhr. Ab 11 Uhr werden die ersten Lieferungen ausgefahren“, erklärt Bullwinkel.

Pfandsystem für Papiertüten

Bisher wird nur vormittags ausgeliefert, doch demnächst soll eine zweite Schicht eingeführt werden, die nachmittags einkauft und am Abend liefert. Momentan werden die Lieferungen noch mit Lieferwägen transportiert. Es gibt aber bereits Pläne, auf Cargobikes und Elektrofahrzeuge umzusteigen. Aktuell achtet Pickery darauf, dass wo möglich, plastikfreie Artikel gekauft werden. Zudem gibt es ein Pfandsystem für Papiertüten, damit diese solange wie möglich genutzt werden. Demnächst wird das Start-up auf Stoffbeutel umsteigen. Das Liefergebiet umfasst momentan nur die Hamburger Innenstadt.

Weitere Zukunftspläne sind die Einführung von Cityhubs als Alternative zu großen Lagern außerhalb der Stadt sowie die Ausdehnung des Produktangebots. Dieses Jahr will das Start-up laut dem Gründer noch drei weitere Standorte erschließen. Konkrete Standorte habe man noch nicht ins Auge gefasst, aber man sieht sich bereits im Norden von Deutschland um, berichtet der Gründer. Interessant sind für das Unternehmen nicht nur die Großstädte, sondern auch kleinere Städte ab 80.000 Einwohnern. Das Start-up wächst auch an anderer Front: die Mitarbeiterzahl steige von aktuell fünf Bürokräften und 25 Mitarbeiter in der Flotte, monatlich um 10 bis 20 neue Picker und Fahrer.

Vom Erzeuger direkt zum Kunden

Die beiden Frischepost Gründerinnen Jule Willing (links) und Eva Neugebauer bringen frische Produkte vom Erzeuger direkt zum Kunden. (Foto: Frischepost)

Ein ähnliches Konzept bietet auch Frischepost an. Anders als bei Pickery kommen die Produkte des Start-ups jedoch nicht aus dem lokalen Supermarkt, sondern direkt vom Erzeuger. Eva Neugebauer und Jule Willing wollen mit ihrem 2015 geründeten Start-up, frische Lebensmittel vom Bauernhof an Kunden in der Stadt bringen. „Vielen Bauern fehlt die Expertise in den Bereichen Logistik, IT und Marketing, um Kunden in der Stadt zu erreichen“, weiß Neugebauer. Die beiden Gründerinnen wuchsen in ländlichen Gebieten, auf Familienbetrieben im Bereich Land- und Forstwirtschaft auf.

Über die Frischepost-Seite können Kunden in Hamburg oder der Rhein Main-Region einzelne Produkte bestellen oder Abonnements abschließen. Für Firmen bietet das Start-up die Möglichkeit, einen täglich mit frischen Produkten befüllten Kühlschrank für die Mitarbeiter aufzustellen. Die Ware wird vom Bauernhof oder von der Manufaktur an ein Lager geliefert, in dem die einzelnen Bestellungen sortiert und verpackt werden. Viele der Produkte werden erst auf Bestellung hergestellt, um Verschwendungen zu vermeiden und Lagerfläche zu sparen. Sollte eines der gewünschten Produkte gerade nicht lieferbar sein, wird eine Alternative angeboten. Die Lieferung wird vom Lager aus in einem Elektroauto zum Kunden oder an eine von ungefähr 40 Abholstationen gebracht.

Tierwohl und Nachhaltigkeit im Fokus

Die Erzeuger und Manufakturen werden nach bestimmten Kriterien ausgewählt, die vor allem auf Tierwohl und Nachhaltigkeit ausgelegt sind. Neben kurzen Transportwegen achten Neugebauer und Willing auf bestimmte Kriterien. So ist es bei der Herstellung von tierischen Produkten beispielsweise wichtig, dass die Tiere ausreichend Platz haben, nur die nötigsten Medikamente bekommen und Futter aus der Region verfüttert wird. Bei Drogerieartikeln setzt das junge Unternehmen auf Manufakturen, die ohne Verpackungen und Tierversuche arbeiten. Bei der Entfernung gibt es vier unterschiedliche Kategorien, die von regional bis überregional reichen. Diese beschreiben, ob ein Produkt aus der Region also einem Umkreis von 150 km oder aus einem kleinen Bio-Betrieb aus Südeuropa kommt.

Die Entfernung bestimmt auch die Lieferkosten, die bei einer Bestellung nach Hause unter 85 EUR anfallen. Im äußersten Liefergebiet zahlen Kunden in Hamburg 5,50 EUR im inneren Liefergebiet 3,50 EUR. Alternativ kann man sich die Bestellung kostenlos zu einer der Abholstationen liefern lassen und diese dort selber abholen. Zusätzlich kommt bei den Kosten noch das Pfand für die Mehrweg- und Kühlboxen von 2 bzw. 2,50 EUR. Durch den Corona-bedingten Lockdown ist das Geschäft des Start-ups im B2B-Bereich um 80 Prozent eingebrochen, berichtet Neugebauer. Dafür ist der B2C-Bereich um ein sieben- bis achtfaches gewachsen. Dieser Umschwung und der Verzug von Finanzierungsrunden bewegte die Gründerinnen dazu Corona-Gelder zu beantragen, die sie auch erhielten. Für die Zukunft plant das junge Unternehmen, das alleine in Hamburg bereits 80 Fahrer und Packer beschäftigt, alle wichtigen Städte Europas ans Netzt anzuschließen. Zunächst ist die Anbindung von Köln, München und Berlin geplant.

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