Sechs Hebel für eine CO2-freie Lieferkette – Teil 2

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Um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, ist die Emissionsreduktion in der Lieferkette von entscheidender Bedeutung. Oft behindern weitreichende Risiken und Komplexitäten das Handeln. Der zweite Teil des Zweiteilers zeigt, sechs bewährte Hebel zur Beschleunigung der Dekarbonisierung von Lieferketten mit Beispielen auf, die jedes (Logistik-)Unternehmen für sich durchgehen und anwenden kann. Auch die Logistik stellt einen großen Hebel für die Emissionsreduktion dar.


Die Nachhaltigkeitstransformation in Unternehmen bedingt auch einen Wandel in den Lieferketten. Laut dem Carbon Disclosure Project ist sie für durchschnittlich 74 Prozent des CO-Fußabdrucks eines Unternehmens verantwortlich. Zudem ist es aufgrund des kommenden und vieldiskutierten Lieferkettengesetzes in Deutschland* im besten Interesse jedes Unternehmens, sich frühzeitig mit den sozialen und ökologischen Auswirkungen der eigenen Lieferkette auseinanderzusetzen und etwas zu unternehmen.

Es gibt schon heute einige Pioniere, deren Instrumentarien zur Reduktion von Lieferkettenemissionen gut etabliert sind. Bei ENGIE Impact haben wir sechs effektive Hebel von Unternehmen identifiziert, die schon jetzt die Transformation ihrer Lieferkette eingeleitet haben. Hier gehe ich auf die Hebel 4 bis 6 ein. In Teil 1  habe ich die ersten drei Hebel besprochen.

Hebel 4: Energieeffizienz der Lieferantenstandorte

Unternehmen können Lieferanten mit Produktionsstätten, Distributionszentren oder anderen physischen Infrastrukturen dabei helfen, Energieeffizienz und Emissionsreduzierungen zu ermitteln und zu finanzieren. Dabei stellt im ersten Schritt vor allem die Optimierung der Energieeffizienz einen enormen ersten Hebel dar. In der Industrie- und Fertigungsindustrie beispielsweise ist die Herstellung von Metallen wie Stahl, Aluminium oder Kupfer aus recyceltem Schrott 60-90 Prozent weniger energieintensiv als die Primärproduktion aus Metallerzen.

Um einen Wandel bei ihren Lieferanten voranzutreiben, können Unternehmen Workshops zur Ressourceneffizienz durchführen, wie sie zum Beispiel die Responsible Business Alliance (RBA), die weltweit größte Industriekoalition für soziale Verantwortung in Lieferketten, ihren Mitgliedern anbietet. Darin können Lösungen aufgezeigt und erfolgreiche Praxisbeispiele besprochen werden. Manager auf Unternehmens- oder Standortebene erhalten Hilfestellung beim Identifizieren von Standorten, die viel Optimierungspotenzial haben. So werden Potenziale mit kurzer Amortisationsdauer oder hohen Kosteneinsparungsmöglichkeiten frühzeitig erkannt. Oft benötigen diese kein Vorabkapital oder können eigenfinanziert werden. So können Lieferanten und Partner relativ einfach zum Handeln bewegt werden.

Hebel 5: Erneuerbare Energien bei Lieferanten

Durch die zunehmende Verfügbarkeit erneuerbarer Energien können Unternehmen von ihren Lieferanten verlangen, diese zu nutzen. Dabei sollten strategisch wichtige Lieferstandorte Vorrang haben, die aufgrund von guter Verfügbarkeit, politischen Gegebenheiten, lokalen Marktbedingungen oder der Art der Lieferantenaktivitäten das größte Potenzial bergen. Diese Faktoren sind vor allem für Hochenergieverbraucher wie Produktions- und Verarbeitungsstandorte relevant.

Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist eine bekannte Möglichkeit, Emissionen zu reduzieren, aber regulatorische Gegebenheiten, Verfügbarkeit und Investitionsausgaben können Hindernisse darstellen. Unternehmen müssen bestehende Optionen für den Einsatz erneuerbarer Energien in der gesamten Lieferkette identifizieren und können ihren Lieferanten dann helfen, die Hindernisse zu überwinden.

Unternehmen können die Umsetzung solcher Maßnahmen zudem unterstützen, indem sie ihre eigenen Verpflichtungen im Bereich der erneuerbaren Energien transparent kommunizieren und Beispiele für realisierbare Ziele aufzeigen. Sie können Maßnahmen bei Lieferanten auch durch direkte Finanzierung oder Koordination der Finanzierung vor Ort durch Gemeinden vorantreiben.

Nike bekämpft zum Beispiel den Großteil der in seiner Lieferkette konzentrierten Emissionen, indem es direkt mit den Zulieferern an der Reduzierung des Energieverbrauchs arbeitet. Zu den jüngsten Initiativen gehören die Unterstützung von Lieferanten bei der Installation von PV-Solaranlagen auf den Dächern von Fabriken, das Eintreten für eine bessere Politik an Standorten, an denen Nike-Zulieferer ansässig sind, und der Ausbau verantwortungsvoll beschaffter Biomasse.

Auch die Mitgliedschaft in Käuferallianzen wie zum Beispiel der Renewable Energy Buyer Alliance (REBA) hilft Lieferanten bei der Umstellung auf erneuerbare Energien.

Hebel 6: Wissenschaftsbasierte Klimaziele für Supplier

Zur Ermittlung wissenschaftsbasierter Klimaziele wird als Ausgangsbasis die benötigte Reduktionsleistung innerhalb der eigenen Branche und des eigenen Unternehmens ermittelt, um die globale Erwärmung effektiv auf zwei Grad zu begrenzen. Es geht dabei nicht um das Reduktionspotenzial des einzelnen Unternehmens, sondern um das Erreichen der CO2-Reduktion, die notwendig ist, um die Klimaziele zu erreichen. Inzwischen haben sich weltweit mehr als 1.000 Unternehmen zu wissenschaftsbasierten Klimazielen verpflichtet. Allerdings führen Ziele an sich nicht zu einer Verringerung der Emissionen. Unternehmen müssen ihren Zulieferern dabei helfen, umsetzbare Pläne aufzustellen, indem sie ihre eigene Expertise teilen und so den Weg für eine nachhaltigere Zukunft zu ebnen.

Durch die Kaskadierung der wissenschaftsbasierten Klimaziele können Unternehmen Konsistenz auch in der Lieferkette erreichen. Der 2-Grad-Referenzpunkt macht eine Beurteilung der Nachhaltigkeit von Zulieferern einfacher. Zudem wird der Veränderungsdruck auf weitere Unternehmen übertragen. Ehrgeizige, messbare Reduktionsziele können die notwendige Transformation nicht nur in den Zulieferbetrieben vorantreiben, sondern durch transformative Veränderungen von Geschäftsmodellen, Produkten und Dienstleistungen auch substanzielles Wachstum freisetzen.

Wie das funktionieren kann, zeigt das Beispiel von AT&T. Der Telekommunikationsanbieter hat sich verpflichtet, dass 50 Prozent seiner Zulieferer, auf Basis des Ausgabenvolumens, bis 2024 wissenschaftlich begründete Scope-1- und Scope-2-Ziele festgelegt haben. Das sollte das Unternehmen auf einen guten Weg in Richtung 2-Grad-Ziel bringen.

Es ist an der Zeit, die Nachhaltigkeitstransformation in der Lieferkette zu beschleunigen

Alle der sechs dargestellten Hebel zur Dekarbonisierung der Lieferkette können Unternehmen heute schon in großem Maßstab anwenden. Zum Start müssen die höchsten Potenziale identifiziert und sichergestellt werden, dass die Maßnahmen mit der gesamten Unternehmensstrategie vereinbar sind. Das Ziel ist eine Dekarbonisierungsstrategie für die gesamte Lieferkette, bei der die Gesamtheit aller Einsparungen höher ist als die Summe der Einsparungen der einzelnen Maßnahmen.

*Das aktuell diskutierte Lieferkettengesetz in Deutschland soll Unternehmen verpflichten oder in Haftung nehmen, die im Ausland beschafften Vorleistungsgüter oder Fertigerzeugnisse in allen Phasen ihrer Lieferkette auf etwaige umweltschädigende oder gegen die Arbeitsbedingungen verstoßende Produktionsverfahren zurückzuverfolgen. Die Initiative geht auf das Jahr 2011 zurück, als die internationale Gemeinschaft die „UN-Leitprinzipien zu Wirtschaft und Menschenrechten“ verabschiedete, um den Kampf gegen Kinderarbeit, Sklaverei und Ausbeutung zu intensivieren: Unternehmen sollen sich an die „Sorgfaltspflicht“ halten und sicherstellen, dass sie keine Vorprodukte von Sweatshops kaufen. In der Folge entwickelte die Bundesregierung einen „Nationalen Aktionsplan“ (NAP) zur Umsetzung der UN-Prinzipien, der zunächst nur eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft vorsah.

Ein Gastbeitrag von:
Herwig Ragossnig, Senior Sustainability Business and Development Consultant Sustainability Solutions bei ENGIE Impact
Kersten Karl Barth, Director Sustainability Solutions Germany bei ENGIE Impact

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